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Aug
28
28.08.2020 09:15 - 16:15
Okt
24

ADHS Aktuell

 
Editorial
 
Im aktuellen Newsletter dreht sich alles um ADHS im Zusammenhang mit der Invalidenversicherung.
Dr. med. Detlev Blocher berichtet über versicherungsmedizinische Aspekte hinsichtlich der Begutachtung bei ADHS.
Eveline Chironi, Psychologin und Teamleiterin Berufsberatung bei der Invalidenversicherung Aargau informiert über den Beitrag der Invalidenversicherung zur Unterstützung von Jugendlichen mit ADHS/ADS in der beruflichen Erstausbildung.
Zudem werden die Forschungsergebnisse zum Thema «ADHS in der Berufsausbildung – Sag ich’s oder verschweige ich’s?» der Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin Bernadette Casasola vorgestellt.
ADHS-Coach Ursula Ammann beschreibt eine weitere Therapie- und Coachingmethode: die Arbeit mit dem IST-SOLL-Tier.
Isolde Schaffter-Wieland, Vorstandsmitglied SFG ADHS gibt eine kurze Zusammenfassung der beiden Referate der SFG-Mitgliederversammlung vom 22. März 2018 zum Thema «ADHS und Versicherungsmedizin».
Herzliche Grüsse,
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
 
 

Begutachtung bei ADHS: versicherungsmedizinische Aspekte

Dr. med. Detlev Blocher
Stv. Teamleiter im Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle des Kantons Bern
 
Diagnostik
 
Dreh- und Angelpunkt bei der Anmeldung von Erwachsenen mit einer ADHS ist der Nachweis der ADHS-Symptomatik im Kindes- und Jugendalter. Dies geschieht mittels retrospektiver Erfassung mit testpsychologischen Instrumenten, fremdanamnestischer Angaben oder indirekt über Befunde be­züg­lich früherer Anmeldungen bei der IV als Geburtsgebrechen. Auch Zeugnisse für die relevanten Lebensabschnitte sind hier dienlich. Liegt ein entsprechender Nachweis über die ADHS-Diagnose im Kindes- und Jugendalter nicht vor, so minimiert dies die Chancen auf eine rasche und zielführende Bearbeitung des Falles deutlich bzw. erfordert eine sehr ausführliche und überzeugende Argumenta­tion, dass dennoch von einer adulten ADHS auszugehen ist. Insgesamt ist auf eine stringente Erfas­sung der klinischen Symptomatik seit der Jugend über das frühe Erwachsenenalter hin zur aktuellen Situation zu achten. Ferner empfiehlt sich eine Festlegung auf einen Subtypus der Störung und es muss dargelegt werden, dass keine andere Störung die Symptomatik besser erklären kann. Grosse Probleme scheint es häufig mit der korrekten Erfassung komorbider psychischer Störungen zu geben. Gelingt dies für die Diagnose eines Missbrauchs bzw. einer Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen, die man bei zirka 15 bis 50% der Patienten je nach Definition und Substanz findet, noch relativ zuverlässig, so überzeugen die Angaben über eine gleichzeitig vorliegende Persönlichkeitsstö­rung nicht immer. Dabei trifft man bei einer Persistenz des ADHS in Erwachsenenalter oft auf Phäno­mene der Dissozialität und der emotionalen Instabilität. Letztere ist aber meist als adulter Ausdruck der ADHS zu verstehen. Für den Bereich der affektiven Symptomatik ist eine klare Differenzierung zwischen Störungen der Affektlabilität, die ja Teil der Utah-Kriterien und somit störungsimmanent sind, und einer manifesten affektiven Störung vorzunehmen. Eher für eine ADHS-spezifische Affekt­proble­matik sprechen der Wechsel zwischen neutraler und niedergeschlagener Stimmung, eine reaktive Auslösung und Beendigung durch ADHS-typische Anlässe, die oft gleichzeitig vorzufindende emotionale Überreagibilität sowie die Schilderung einer eher dysphorisch-gereizt-gelangweilten Symptomatik bei fehlender Stimulation. Zu beachten ist auch die Dauer, die bei dieser Symptomatik einige Stunden bis wenige Tagen umgreift, also die ICD-10 Kriterien für eine depressive Episode nicht erfüllt und somit ein klares Unterscheidungsmerkmal darstellt. Letztlich sind noch Angstsymptome differentialdiagnostisch zu fassen. Sinnvoll erscheint darüber hinaus, auch zu somatischen Komorbi­di­täten (Asthma, Unfälle etc.) Stellung zu nehmen.
Zu bedenken ist, dass trotz der hohen Komplikationsraten über 40% der adulten ADHS-Patienten wissenschaftlichen Studien zufolge keine komorbide Störung aufweisen. Ist dies aber der Fall, so besteht in der Regel eine Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen der ADHS und den komorbiden Störungen. Aus versicherungsmedizinischer Sicht relevant ist, ob die Komorbidität den Patienten sonst vorhandene Ressourcen raubt.
 
Verlauf der Störung
 
Häufig findet man eine Veränderung und später dann eine Verbreiterung der Symptomatik im zeitli­chen Verlauf. Von der ADHS-Core-Symptomatik bildet sich die Hyperaktivität vergleichsweise früh zurück und es bleiben im Erwachsenenalter meist eine innere Unruhe sowie eine Impulsivität zurück bei Persistenz der Konzentrationsprobleme. Letztere treten aber durch das Erlernen von Kom­pen­sations­mechanismen weniger direkt zu Tage. Insgesamt nimmt die Hauptsymptomatik im späteren Erwachsenenalter nur wenig ab oder zu. Vielmehr führen die Auswirkungen der oben erwähnten komorbiden Störungen und/oder die störungsbedingt sich entwickelnden sozialen Probleme zu einer Verbreiterung der klinischen Symptomatik.
 
Funktionsbeeinträchtigungen
 
Der klinische Erfahrungswert bei Patienten mit einer Persistenz der ADHS ins Erwachsenenalter ist der, dass deren schulische und berufliche Abschlüsse meist deutlich hinter den Erwartungswerten zurückbleiben. Es finden sich viele bzw. häufige Wechsel des Arbeitsplatzes, oft ausgelöst durch – störungsbedingte – Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten. Aber auch im privaten Bereich führt die Störung zu kurzlebigen Partnerschaften und erhöhten Scheidungsraten. Deutliche Belastungen für die Angehörigen bleiben dann oft nicht aus. Ferner ist ein erhöhtes Unfallrisiko in Schule, Beruf, Frei­zeit und Straßenverkehr ein zuverlässig replizierter Befund.
Betrachtet man die möglichen Langzeitfolgen einer ADHS im Erwachsenenalter genauer, so stösst man vor allem auf Störungen des Selbstbildes, der Selbststeuerung und auf ein reduziertes Selbst­wert­­gefühl. Die adulten ADHS-Patienten verfügen meist über verminderte soziale Fertigkeiten und zeigen oft ein desorganisiertes Verhalten sowie eine Stressintoleranz, was beruflichen Problemen Vorschub leistet. Mangelndes Zeitgefühl, Probleme im Umgang mit eintönigen Tätigkeiten und Störquellen sowie eine geringe Frustrationstoleranz runden das Bild meist ab.
Aber auch unabhängig von einer vielleicht schwierigen diagnostischen Einordnung der gesamten klinischen Symptome kommt es bei der versicherungsmedizinischen Beurteilung darauf an, wie schwer sich die ADHS- bzw. die störungsspezifischen Defizite und Beeinträchtigungen auf die Arbeits­fähigkeit auswirken. Eine quantitative Einschränkung findet man in der Regel nicht. Meist handelt es sich um eine qualitative Leistungseinschränkung. Um diese sinnvoll abbilden zu können, empfiehlt sich eine standardisierte Erfassung, z. B. mittels Mini-ICF-APP. Insgesamt betrachtet resultiert aus ver­­sicherungsmedizinischer Sicht eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit dann meist durch die Auswirkungen der komorbiden Störungen bzw. die Interaktion der ADHS-Symptomatik mit diesen.
Der Verlauf der funktionellen Störungen ist überwiegend heterogen, bedeutet also, dass es auch immer wieder zu einer Stabilisierung kommt. Einer Normalisierung des Funktionsniveaus stehen dann meist klar umschriebene Faktoren entgegen wie die gerade genannten Probleme mit den komorbiden psychischen Störungen sowie psychosoziale Risikofaktoren. Auch bei einer persistie­renden Impulsivität, die sich therapeutisch nur schwer beeinflussen lässt, finden sich überzufällig häufig Verläufe mit geringen privaten wie beruflichen Erfolgsmerkmalen.
 
Therapiemöglichkeiten
 
Aus versicherungsmedizinischer Sicht lautet die Prämisse bei der Behandlung von ADHS-Patienten wie folgt: Durch welche therapeutischen Massnahmen lassen sich die bestehenden funktionellen Leistungseinbussen reduzieren bzw. die aktuelle Leistungsfähigkeit stabilisieren. Zwar gibt es einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Therapiebausteine Psychopharmakotherapie und Psychotherapie, wie sich diese Methoden aber auf die funktionelle Leistungsfähigkeit auswirken, ist noch nicht sehr gut untersucht. Dabei ist auch zu bedenken, dass ein Übermass an therapeu­tischer Massnahmen sich im Sinne eines Overflows zum Teil auch negativ auf die Gesamtsituation auswirken kann. Unbestritten ist aber, dass eine adäquate Behandlung der komorbiden Störungen die Chance auf die Verbesserung der sozialen Adaptation und damit des beruflichen Funktions­niveaus bietet.
Zusammengefasst ist vor einer IV-Anmeldung von Patienten mit einer ADHS die nachfolgende Check­liste zu beachten:
  • Liegt der Nachweis einer ADHS-Symptomatik im Kindes- und Jugendalter vor?
  • Ist die ADHS-Diagnose lege artis gestellt?
  • Wurde eine umfangreiche Abklärung möglicher komorbider Störungen (psychisch und somatisch) durchgeführt?
  • Erfolgte die Erfassung möglicher Funktionsbeeinträchtigungen standardisiert?
  • Ist der therapeutische Verlauf gut dokumentiert?
  • Können umfangreiche Informationen zum sozialen Umfeld bereitgestellt werden?
 
Kontakt:
Dr. med. Detlev Blocher
Stv. Teamleiter Regionaler Ärztlicher Dienst RAD
IV-Stelle Kanton Bern
Scheibenstrasse 70
Postfach
3001 Bern
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Literatur beim Verfasser
 
 
 
 

„Zappelphilipp, Dreamer und Chaosprinzessin“: Erfolgreiche Unterstützung von Jugendlichen mit ADHS/ADS in der beruflichen Erstausbildung

Was kann die Invalidenversicherung dazu beitragen?

Eveline Chironi, Psychologin und Teamleiterin Berufsberatung bei der Invalidenversicherung Aargau
 
Jugendliche und junge Erwachsene mit der Diagnose ADHS/ADS, die der Berufsberatung der Invalidenversicherung vorgestellt werden, haben oft einen sehr langen Leidensweg hinter sich bis sie zusammen mit entsprechenden Therapiestellen wirksam unterstützt werden können. Häufig sind schon in der Vergangenheit erhebliche Verhaltens- und Schulschwierigkeiten aufgetreten, die zu einem Abbruch oder Unterbruch der beruflichen Grundbildung führten und auch alternative Wege in eine Berufsausbildung scheitern liessen. Die Gründe für das späte zur Verfügung Stellen fachgerechter und leidensspezifischer Unterstützung vor und während der Berufsausbildung sind jedoch äusserst vielfältig. Teils liegen die Ursachen immer noch im zu geringen Bekanntheitsgrad des Kostenträgers IV und dessen reichhaltiger Unterstützungsmöglichkeiten in Form von beruflichen Massnahmen. Andere Gründe liegen sicher auch in der doch recht heterogenen Symptomatik des ADHS/ADS-Leidens und der damit verbundenen diagnostischen Hürden. Das parallele Einsetzen der Pubertät in den oberen Schulklassen erschwert zudem eine klare Unterscheidung zwischen der Verhaltens- respektive Leistungssymptomatik und den motivationalen Aspekten des Leidens und der Pubertät an sich. Zeigen sich isolierte leichtere bis mittlere Verhaltens- und Leistungsprobleme in der Schule, erhalten betroffene Jugendlichen mit normaler Intelligenz zudem keinen Sonderschulstatus. Dadurch entfällt auch die wertvolle Beratung und Begleitung durch den schulpsychologischen Dienst und damit das Hinführen zu einer erforderlichen IV-Anmeldung.
 
Erfolgreicher Schulbesuch, aber dennoch Schwierigkeiten in der Berufsausbildung
 
Bei vielen betroffenen Jugendlichen gelingt es glücklicherweise mit fachgerechter pädagogischer Unterstützung die Schulstufe erfolgreich zu bewältigen und eine Ausbildung anzuschliessen. Stillere, schwächere Schüler ohne offensichtliche Verhaltensauffälligkeiten durchlaufen viel häufiger unbemerkt und teils mit erheblichen Bildungslücken die Schulzeit als Schüler mit grossen Verhaltensschwierigkeiten und Strukturierungs- und Konzentrationsproblemen. Im Schulalltag mit seinen zu Recht auf die einzelne Ressourcenförderung ausgerichteten Betrachtungen und Interventionen findet zudem seltener eine umfassende und defizitorientierte Verhaltens- und Leistungsbeurteilung statt. Diese könnte jedoch als Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine IV-Anmeldung dienen. Auch häufigere Schul- und Wohnortswechsel bei vermehrter Mobilität können eine entsprechende Entwicklungsbeobachtung über einen angemessenen Zeitraum verunmöglichen und damit die Entscheidung zur IV-Anmeldung erschweren. Verständlicherweise gleichen Eltern auch immer wieder Lern- und Strukturierungsprobleme ihrer Kinder aus. Damit verhindern sie aber auch das Offenlegen der gesamten Problematik und das pädagogische Hinführen zu besserer Selbststrukturierung bei vorliegender ADHS/ADS. Erschwerend kommt hinzu, dass auch bei offensichtlichem Unterstützungsbedarf für die Erstausbildung eine IV-Anmeldung für berufliche Massnahmen umgangen wird, da IV-Leistungen immer noch mit schwerer und dauerhafter Invalidität assoziiert werden.
Mit dem Schulabschluss und Beginn der beruflichen Ausbildung steigen jedoch die Anforderungen an die sozialen Kompetenzen, das selbstständige Lernen und das Strukturieren. Das Wegfallen des engmaschigeren schulischen Rahmens verschärft die Situation auch für betroffene Jugendliche mit besserer Kognition, so dass auch ein guter Lehrbeginn zu einem späteren Abbruch führen kann.
 
Leistungen der Invalidenversicherung bei ADHS und ADS
 
Die Invalidenversicherung verfügt grundsätzlich über zahlreiche Leistungen, die betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene professionell unterstützen. Bei Kindern, die bis zum 9. Lebensjahr aufgrund einer ADS/ADHS therapeutische Interventionen erhalten haben und bis zum 11. Altersjahr bei der Invalidenversicherung angemeldet wurden, kann ein sogenanntes Geburtsgebrechens 404 anerkannt werden. Diese Anerkennung ermöglicht die Vollkostenübernahme der Leidensbehandlung bis zum 20. Altersjahr. Wurden entsprechende Fristen verpasst, die Anerkennung verneint oder das Leiden erst später behandlungsbedürftig, ist dennoch eine Unterstützung in Form von beruflichen Massnahmen möglich.
Um eine berufliche Massnahme zusprechen zu können, muss die ADHS/ADS-Symptomatik eine Erstausbildung oder die Berufswahl erschweren oder in der Vergangenheit erschwert haben. In selteneren Fällen sind Auswirkungen auf den Beruf erst im Erwachsenenalter offensichtlich, so dass eine Umschulung nach begonnener Erwerbslaufbahn geprüft werden muss. Im Gegensatz zu den zahlreichen IV-Anmeldungen führt eine isolierte ADHS/ADS-Diagnose in den meisten Fällen aber nicht zu einer IV-Berentung, was darauf hinweist, dass die Symptomatik oft unter der zunehmenden Reifung abnimmt und mit Hilfe von adäquater Unterstützung auch eine erfolgreiche Berufslaufbahn aufgenommen werden kann. Es lohnt sich in jedem Fall rechtzeitig entsprechende Hilfen zu stellen, damit betroffene junge Menschen mit einer ADHS/ADS-Symptomatik die Möglichkeit erhalten, überhaupt eine Erstausbildung gemäss ihren Fähigkeiten absolvieren zu können (und dies ohne die Anhäufung von einer unendlichen Folge von Misserfolgserfahrungen). Junge Menschen ohne abgeschlossene Erstausbildung tragen ein erhebliches soziales Risiko und verbleiben häufiger in der Sozialhilfe und in der Arbeitslosigkeit. Das Gesetz über die Invalidenversicherung trägt demnach auch mit den beruflichen Massnahmen dazu bei, langfristig die soziale Sicherheit zu garantieren und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen in unsere Gesellschaft, d.h. auch in unseren Arbeitsmarkt, zu inkludieren. Die Invalidenversicherung verpflichtet sich mit ihren beruflichen Massnahmen daher zu effektiven Bildungsleistungen, die auch im Anschluss begleitet oder unbegleitet in eine Anstellung führen und den nachhaltigen Aufenthalt im ersten Arbeitsmarkt ermöglichen.
 
Eine frühzeitige Anmeldung führt zu Entlastung aller beteiligten Personen
 
Damit die Invalidenversicherung rasch und professionell unterstützen kann, ist eine frühzeitige Anmeldung mindestens zwei Jahre vor dem Schulaustritt durch die Eltern oder einem Rechtsvertreter auch bei moderater Symptomatik empfehlenswert. Der IV-Anmeldung sollten möglichst bestehende medizinische Akten und Schulberichte beigelegt werden. Im optimalen Fall ist zu diesem Zeitpunkt eine regelmässige fachgerechte medizinische Therapie eingeleitet, die auch konsequent durchgeführt wird. 
Bei der Übernahme von erstmaligen beruflichen Massnahmen der Invalidenversicherung wird der eigentliche Ersatz der sogenannten behinderungsbedingten Mehrkosten für die Erstausbildung (Art. 16 IVG) zugesprochen, sofern diese Mehrkosten CHF 400 pro Jahr übersteigen. Die Erziehungsberechtigten haben damit weiterhin die Grundkosten für die Erstausbildung zu tragen, wie sie bei jedem Jugendlichen in der beruflichen Grundbildung anfallen (Art. 302 ZGB). Unter Mehrkosten können eigentliche Bildungsleistungen (z.B. die Kosten einer Handelsschule oder Nachhilfeunterricht) sowie auch akzessorische Leistungen wie Taggelder als Ersatz für Lohnausfall und Reisekosten respektive Zehrgelder (Spesen) fallen. Die Mehrkosten werden in jedem einzelnen Fall durch die Berufsberatenden der IV ermittelt.
Die Invalidenversicherung prüft nach dem Einreichen einer IV-Anmeldung individuell, ob zusätzlich zu einer medizinischen Behandlung eine leidensbedingte Unterstützung für das Bewältigen einer Erstausbildung erforderlich ist. Ist dies der Fall, wird die IV-Berufsberatung die vorliegende Situation in einer professionellen Bildungsberatung mit Hilfe einer individuellen Interessen- und Ressourcenabklärung besprechen und gemeinsam mit den Jugendlichen, den Eltern und den Therapiestellen die notwendigen nächsten Schritte festlegen. Je nach Grad des erhobenen Unterstützungsbedarfs wird die Intensität der Begleitleistungen im entsprechenden Wunschberuf bestimmt. In einigen Fällen braucht es für den Erfolg der Erstausbildung nur die Übernahme eines begleitenden (ADHS-)Coachings oder des Lehrlingslohnes in Form von Taggeldern. In anderen Fällen sind umfassende sozialrehabilitative Massnahmen vor der eigentlichen Ausbildung im geschützten Rahmen und ein leidensbedingtes betreutes Wohnen notwendig. Jede berufliche Massnahme ist eine individuelle Einzellösung und wird auf den langfristigen Verbleib im ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet.
 
Aufgaben der Invalidenversicherung der Zukunft
 
Die Aufgaben der Invalidenversicherung im Bereich der beruflichen Bildung werden auch in Zukunft von Bedeutung sein. In seiner Botschaft vom Februar 2017 hat der Bundesrat für die nächste IV-Revision umfassende Leistungen für junge Versicherte und vor allem für junge Menschen mit psychischen Schwierigkeiten in Aussicht gestellt. Für die Begleitung junger Versicherter in die Erwerbstätigkeit soll der Invalidenversicherung künftig sogar eine umfassende Querschnittsfunktion zukommen, die auch präventive Massnahmen zur Vermeidung einer Leidens-Chronifizierung respektive Invalidität beinhaltet.
Bereits heute sind die beruflichen Massnahmen der Invalidenversicherung auf individuelle Versichertenbedürfnisse ausgerichtete Leistungspakete, die auch den Zugang zu notwendigen Sondersettings beinhalten ohne dabei Familien finanziell zu belasten. Diese Massnahmen unterstützen Jugendliche mit gesundheitlicher Problematik umfassend und leiten zu einer selbstgeführten Lebensgestaltung respektive finanziellen Unabhängigkeit an.
Eine frühzeitige Anmeldung trägt damit entscheidend dazu bei, Jugendlichen mit relevanten Schwierigkeiten rechtzeitig in eine Erstausbildung zu verhelfen, den Eintritt in den Arbeitsmarkt zu unterstützen und soziale Risiken zu mindern. 
 
Hinweis: Im Rahmen der Aktionstage psychische Gesundheit organisieren die Beratungsdienste ask!, die IV-Berufsberatung Aargau und Betroffene am 23.10.2018, 19.00 Uhr in der Aula der neuen Kantonsschule Aarau, eine öffentliche Veranstaltung mit anschliessendem Apéro zum gleichen Thema: „Zappelphilipp, Dreamer und Chaosprinzessin“: 
Erfolgreiche Unterstützung von Jugendlichen mit ADHS/ADS in der beruflichen Erstausbildung
 
 
 
 

ADHS in der Berufsausbildung – Sag ich’s oder verschweige ich’s?

Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin Bernadette Casasola hat 2017 eine spannende Masterarbeit zu diesem Thema verfasst. Die Sozialpädagogin ist in Basel tätig als SVA-Eingliederungs­beraterin. Das Ergebnis wollen wir unseren auf ADHS-spezialisierten Fachpersonen nicht vorenthalten, da es im Kontext der Tagungsreferate eine interessante Ergänzung darstellt. 
Zusammenfassung von Isolde Schaffter-Wieland, Vorstandsmitglied SFG ADHS
 
Viele ADHS-Betroffene und/oder deren Eltern fragen sich während der Lehrstellensuche: «Wie rea­giert der Lehrbetrieb, wenn ich meine ADHS offen kommuniziere, und wann ist der richtige Zeit­punkt, ihn darüber in Kenntnis zu setzen?» Um diese Frage beantworten zu können, braucht es Erfahrungswerte der Lehrbetriebe. Im Rahmen der Masterarbeit zur Berufs-, Studien- und Laufbahn­beraterin an der FHNW in Olten nahmen im September 2016 total 506 Lehrbetriebe im Kanton Solothurn an der Umfrage von Bernadette Casasola zum Thema «ADHS in der Berufsausbildung» teil. Insgesamt wurden 2027 Lehrbetriebe angeschrieben und zu ihren Erfahrungen mit ADHS be­fragt. Der Rücklauf der Online-Fragebögen betrug 25%.
 
Lehrbetriebe schätzen es sehr, wenn sie von ihren Lernenden über die Diagnose ADHS informiert werden, relevant dafür ist der richtige Zeitpunkt.
 
Die nachfolgenden Auswertungen zeigen auf, wie die Lehrbetriebe geantwortet haben, was ihnen wichtig ist und welche Erfahrungen mit ADHS vorhanden sind.
 
Ein erster Überblick der ausgewerteten Rückmeldungen:
 
Lehrbetriebe, die ADHS bis zur Umfrage nicht kannten
62
Lehrbetriebe, denen ADHS aus dem beruflichen und/oder privaten Umfeld bekannt ist
444
Lehrbetriebe, die in den vergangenen 5 Jahren Lernende mit ADHS ausgebildet haben
70
Lehrbetriebe, die keine Lernenden mit ADHS ausbilden würden
(94 Lehrbetriebe mit ADHS-Kenntnissen und 17 ohne ADHS-Kenntnisse)
121
Lehrbetriebe, denen ADHS bekannt ist und die Lernende mit ADHS ausbilden würden
385
 
Nachfolgende Statistik zeigt auf, ob und wann die Lehrbetriebe von den Lernenden über die Aufmerk­sam­keits­defizitstörung informiert werden möchten:
 
 
Diese Auswertung beinhaltet die Antworten der 70 Lehrbetriebe mit ADHS-betroffenen Lernenden und die der 280 Lehrbetriebe, denen ADHS bekannt ist und die Lernende ausbilden würden. Die 62 Lehrbetriebe ohne ADHS-Kenntnisse sowie die 94 Lehrbetriebe, die keine Lernenden mit ADHS ausbilden würden, wurden dazu nicht befragt.
88% der Lehrbetriebe möchten bereits während des Bewerbungsprozesses von der ADHS erfahren. Persönliche Anmerkungen der Lehrbetriebe verdeutlichen, dass eine durchgehend offene und ehrliche Kommunikation sehr geschätzt wird. Dies aus dem Grund, dass sich der Lehrbetrieb besser auf die Situation einstellen und darauf vorbereiten kann.
Wie und ob die 70 Lehrbetriebe mit ADHS-betroffenen Lernenden informiert worden sind, zeigt folgendes Diagramm:
 
 
Die Rückmeldungen der Lehrbetriebe, die bereits Erfahrungen in der Ausbildung mit ADHS-betroffe­nen Lernenden haben, zeigen auf, dass dies in Wirklichkeit anders gehandhabt wird. Lediglich 33% der Lehrbetriebe wurden während der Bewerbungsphase respektive innerhalb der ersten Monate informiert.
 
Die Lernenden mit ADHS verteilen sich wie folgt auf die Lehrbetriebe:
 
 
An der Umfrage haben 98 Lehrbetriebe teilgenommen, die mehr als 100 Mitarbeitende beschäftigen, 40 Betriebe mit 51–100 Mitarbeitenden und jeweils 184 Lehrbetriebe mit bis zu 10 und zwischen 11 und 50 Mitarbeitenden.
Die 70 teilnehmenden Lehrbetriebe haben innerhalb der letzten 5 Jahre insgesamt 77 Lernende mit ADHS ausgebildet.
 
Nachfolgendes Balkendiagramm zeigt, welche beruflichen Grundbildungen ab­sol­viert wurden:
 
 
Die Lehrbetriebe schätzen eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern als wichtigste Bezugspersonen der Lernenden – egal, ob mit oder ohne ADHS.
 
Weitere bekannte Unterstützungsmassnahmen sind folgende:
 
 
73 Lehrbetriebe geben an, dass sie keine der aufgelisteten Unterstützungsmassnahmen kennen. Unter «Andere» wurden folgende Unterstützungsmassnahmen angegeben: Ritalin, interne Wechsel in ein ruhigeres Setting, Ernährung, Naturheilmethoden, Kinesiologie, mehr Zeit sowie Unterstützung durch die Invalidenversicherung.
Unterstützungsmassnahmen sollen individuell angepasst und punktuell eingesetzt werden: So viel wie nötig und so wenig wie möglich! Jede Massnahme, die einem ADHS-Betroffenen dient, ist auch für die anderen Mitarbeitenden ein Gewinn.
In 15 Fällen kam es gemäss Lehrbetrieb zu einer Auflösung des ursprünglichen Lehrvertrags aufgrund der ADHS. Von den Lehrbetrieben wurden folgende Gründe für den Lehrabbruch angegeben:
  • Die Kooperation der Lernenden und der Eltern fehlte
  • Schule war zu anspruchsvoll
  • Ungenügende Entwicklung/Leistung
  • Starke psychische Belastung
  • Lernender wollte nicht mehr
  • Wechsel von EFZ in EBA
  • Ausbildung in anderem Betrieb weitergeführt
  • Die Umsetzung in die Praxis funktionierte nicht, die Lernende war unkonzentriert, nicht krank­heitseinsichtig, nicht ehrlich
  • Konnte nicht zu eigenen Fehlern stehen, grosse Konzentrationsschwächen am Arbeits­platz
Bei der genauen Analyse der 15 Lehrvertragsauflösungen zeigt sich, dass es in 10 Fällen effektiv zu einem Lehrabbruch ohne direkte Anschlusslösung innerhalb des Lehrbetriebs oder in einem anderen Lehrbetrieb gekommen ist. 3 Lehrverhältnisse wurden innerhalb vom Lehrbetrieb in ein angepasstes Niveau umgewandelt (vom Logistiker EFZ in EBA, vom KV E-Profil ins B-Profil und vom Elektroinstalla­teur zum Montageelektriker). Ein Lernender in der Ausbildung zum Koch EFZ wurde von einem ande­ren Betrieb nahtlos übernommen. Ein Jugendlicher in Ausbildung zum Informatiker wurde von der Berufsschule verwiesen. Der Lehrbetrieb beschäftigte den Jugendlichen aber weiterhin als Praktikan­ten, bis eine Anschlusslösung (KV B-Profil) mit Unterstützung der Invalidenversicherung gefunden werden konnte.
Kommt es während der Ausbildung zu Problemen/Schwierigkeiten, sollte wie bei allen Lernenden dif­fe­renziert werden, wo die Ursache liegt und was genau Schwierigkeiten bereitet. Kristallisiert sich im Laufe der Zeit heraus, dass die sogenannte «Chemie» zwischen Lehrbetrieb und Lernenden nicht stimmt, der Beruf aber der Richtige ist, dann kann ein Wechsel in einen anderen Lehrbetrieb für alle Beteiligten eine Entlastung sein.
 
Die Frage: «Würden Sie Jugendlichen mit ADHS eine berufliche Grundausbildung in Ihrem Betrieb ermöglichen?» wurde folgendermassen beantwortet:
 
 
76% der 506 teilnehmenden Lehrbetriebe sind bereit, einen Lernenden mit ADHS auszubilden. Dies ist eine erfreuliche Zahl und verdeutlicht auch das Engagement der Lehrbetriebe. Welche Gründe 121 Lehrbetriebe dazu veranlasst hat, keine Lernenden mit ADHS auszubilden, kann anhand dieser Um­fra­ge nicht abschliessend evaluiert werden. Genannte relevante Gründe können die Arbeitssicher­heit, ein hektisches Arbeitsumfeld sowie Grossraumbüros sein.
 
Die Lehrbetriebe schätzen an «ihren» Lernenden mit ADHS die offene und aufgestellte Wesensart, die Begeisterungsfähigkeit und Motivation sowie ihre Dankbarkeit (dies ist lediglich ein Auszug der indivi­duellen Rückmeldungen der Lehrbetriebe).
 
Fazit
Es ist empfehlenswert und sinnvoll, den Lehrbetrieb über die ADHS zu informieren. Die Aufmerksam­keits­de­fizit­störung mit oder ohne Hyperaktivität/Hypoaktivität soll aber nicht den ganzen Bewer­bungs­prozess überschatten!
Die Lernenden mit ADHS müssen die Möglichkeit haben, sich wie alle Lehrstellensuchenden zu em­pfehlen, indem sie sich bewerben, am Vorstellungsgespräch präsentieren und ihre Fähigkeiten wäh­rend der Schnupperlehre unter Beweis stellen können. Sind diese «Hürden» genommen und der Lehrbetrieb signalisiert weiterhin Interesse an einem Lehrverhältnis, dann ist ein idealer Zeitpunkt, die ADHS zu kommunizieren. Die Jugendlichen haben ihre Chance genutzt und den Lehrbetrieb aus eigener Kraft von ihrer Eignung überzeugt. Ein Erfolgserlebnis, auf das sie stolz sein können und das sich positiv auf das Selbstwertgefühl auswirkt!
Kommt es aufgrund der ADHS zu keinem Lehrverhältnis, muss geklärt werden, welche Gründe den Lehrbetrieb dazu veranlasst haben, sich gegen einen Lehrvertrag zu entscheiden. Kommen zum Bei­spiel Bedenken in Bezug auf die Arbeitssicherheit auf, besteht allenfalls die Möglichkeit, während eines erneuten Schnuppereinsatzes den zukünftigen Lehrmeister vom Gegenteil zu überzeugen und die Bedenken zu überprüfen. Blockt der Lehrbetrieb ab, weil er nicht bereit ist, sich auf einen Lernen­den mit ADHS einzulassen, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob dieser Betrieb der geeignete Ausbil­dungsplatz ist. Klar ist es frustrierend, die Lehrstelle kurz vor dem Ziel nicht erhalten zu haben. Be­denkt man aber, dass die Lernenden die nächsten zwei bis vier Jahre auf einen Lehrbetrieb angewie­sen sind, der aus irgendwelchen Gründen keine Lernende mit ADHS ausbilden möchte, ist es besser, dass auch der Lehrbetrieb mit offenen Karten spielt. Eine Lehrvertragsauflösung sollte, wann immer möglich, vermieden werden.
Welche Entscheidung letztlich die Richtige ist, muss individuell jeder für sich beantworten. Idealer­weise können die Erkenntnisse aus dieser Umfrage für die Entscheidungsfindung genutzt werden.
 
Links und weitere Merkblätter zum Thema:
 
ADHS bei Lernenden
 
Nachteilsausgleich
 
 
 

ADHS Analog (2): Die Arbeit mit dem IST-SOLL-Tier

Ursula Ammann, MAS ZHAW Supervison, Coaching und OE, ADHS-Coach
 
In einer regelmässigen Serie schreibt Ursula Ammann über analoge Methoden, die sich im Therapie- und Coaching-Bereich bewährt haben. Heute das IST-SOLL-Tier.
Tierassoziationen haben wir alle immer mal wieder: „Der ist langsam wie eine Schnecke“, „Sie hat einen Adlerblick“, „der macht sich zum Affen“ - um nur einige wenige zu nennen.
Das haben sich verschiedene Therapierichtungen immer wieder zunutze gemacht. Fast jeder kennt das System der Kinderzeichnungen „Familie in Tieren“1, die ursprünglich aus der Psychoanalyse kommt. Auch Gestalt-, systemische und andere Therapieformen setzen auf Tierfiguren, wenn es um freies Assoziieren geht oder um das Bewusstmachen von Verhaltensmustern, Stellungen in Systemen etc.2
Die Arbeit mit Tierfiguren verleiht schwierigen Themen etwas Spielerisches und ermöglicht es dem Klienten und Coach/Therapeuten, auf eine Metaebene zu gehen.
Heute möchte ich Sie mitnehmen in das Arbeiten mit IST-SOLL-Tieren. Vorausschicken möchte ich einige «technische» Vorbemerkungen:
  • ich arbeite fast ausschliesslich mit Schleichtieren, da diese in jedem gut sortierten Warenhaus erhältlich sind und die Klienten sich dann diese bei Bedarf auch selbst kaufen können
  • Bei Kindern kann es Sinn machen, vorweg zu klären, welches ihre Lieblingstiere sind, und diese sind dann eventuell aus der Auswahl zu entfernen. Dies ist beim IST-SOLL Tier nicht so wichtig, bei einer Geno- oder Systemogrammaufstellung jedoch schon, da sich sonst das Resultat verfälscht
  • Alle analogen Arbeiten sind immer nur Momentaufnahmen, können an einem anderen Tag anders ausfallen. Das macht nichts und kann den Klienten auch entlasten.
  • Bitte nicht zu viel Zeit für die Auswahl der Tiere geben und diese auch nicht kommentieren. Es geht darum, Gedanken und Gefühle von der kognitiven Ebene wegzuholen und einen intuitiven Ansatz zu verfolgen. Wenn zu viel Zeit gegeben wird, überlegen sich die Klienten oftmals die Eigenschaften, die dem Tier zugeschrieben werden.
  • Und besonders wichtig: Die Interpretationshoheit liegt immer beim Klienten!
 
Mit dem IST-SOLL-Tier arbeite ich vor allem in Situationen, in denen sich der Klient, die Klientin wünscht, anders zu sein, sich anders zu verhalten oder eine neue Stellung beispielsweise in einem Team einzunehmen.
Mein Gegenüber sucht sich in der Folge aus einer gut präsentierten Tier-Auswahl zwei Tiere aus. Eines für das momentane IST-Empfinden, eines für das gewünschte SOLL-Sein.
Ich lasse mir erzählen, welche Gedanken zur Tierauswahl geführt haben und was sonst noch so durch den Kopf huscht. Dann arbeiten wir daran, was vom SOLL Tier schon vorhanden ist und auch, was vom IST-Tier unbedingt erhalten bleiben sollte.
Manchmal ist das SOLL-Tier utopisch. Das kann verschiedene Ursachen haben und muss sorgfältig angesprochen werden:
 
1.      Würdigen der „Sehnsuchtsziele“
2.      Würdigen der Frustration darüber, dass sie nicht erreichbar sind
3.      Würdigen der Ambivalenz gegen Alternativen
4.      Muster suchen, welche Wahrscheinlichkeit erhöhen, Gewünschtes zu erreichen
5.      Angebot vom „Zweitbesten“  (Nach Gunter Schmidt)
 
Unter Umständen kann man zwei SOLL-Tiere auswählen lassen, was in meiner Praxis jedoch eher selten vorkommt. Eines als „Identifikationsfigur“ und eines als „Differenzierungsfigur“ mit der Bedeutung «das ganz bestimmt nicht».
In der Folge sprechen wir darüber, wie es sich anfühlen würde, als SOLL-Tier zu agieren. Was hinderlich sein könnte und was man noch zur Umsetzung braucht.
 
Im hier gezeigten Beispiel3 hat sich eine Frau Mitte dreissig als Faultier im IST aufgestellt und als sich aufbäumendes Pferd im SOLL. Sie leidet an einer ausgeprägten Prokrastination und wünscht sich sehnlichst Veränderung - ohne etwas dafür tun zu müssen. Im Laufe der Arbeit kam sie zur
Erkenntnis, dass es für sie auch Vorteile hat, wenn man als Faultier wahrgenommen wird, da dann die Erwartungen von aussen automatisch tiefer sind. Ihr ursprüngliches Ziel des sich aufbäumenden Pferdes erschien ihr zwar verlockend, aber doch sehr anstrengend. So entschloss sie sich, lieber in der aktuellen Arbeitssituation zu bleiben und das Pferd nur in der Freizeit zu zeigen. Auf die Arbeit, das Pferd in ihr zu trainieren, wollte sie sich nicht einlassen, da ihr dies zu viel war. Es ging dann in der Folge darum, dass das Faultier sich arbeitstechnisch so positioniert, dass es sich Struktur gibt, die geforderten Aufgaben zu erledigen.
 
 
Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, eigene Interpretationen zu meiden und den Klienten/die Klientin einfach im selbstgewählten Weg zu unterstützen und miteinander zu erarbeiten, welche Konsequenzen welches Verhalten haben kann.
Man kann auch hier, wie bereits im Baustellen-Beispiel, mit einer Skalierung arbeiten. Im oben erwähnten Fall sah diese dann so aus:
Oftmals wird vom Klienten aber das SOLL Tier als Zielelement angestrebt, wie im folgenden Beispiel:
 
 
 
 
 
Hier handelte es sich um eine 40 jährige Mutter, die sowohl den Schwan wie auch den Occtopus als IST-Tier gewählt hatte. Letzteren übrigens erst nach einem weiteren Gespräch – mit Scham und der Aussage „dass sie so sehr klammere und nichts loslassen könne“. Ihr Wunsch war, Züge eines Tigers zeigen zu können und sich nicht mehr für alles verantwortlich zu fühlen. Insbesondere nicht für ihre inzwischen erwachsenen Kinder. Schritt für Schritt überprüfte sie ihre Handlungen am Ziel des „Mini-Tiger-Seins“ und kaufte sich diesen auch um ihn in der Hosentasche mitzuführen als Erinnerungshilfe.
In meiner Erfahrung macht die Arbeit mit Tierfiguren allen Klienten Spass und bringt einen spielerischen Zugang in eine manchmal schwere Thematik. Viel Spass beim Ausprobieren. Wie immer stehe ich für Fragen oder entsprechende Methoden-Supervisionen gerne zur Verfügung!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ursula Ammann, MAS ZHAW Supervison, Coaching und OE. Eigene Coachingpraxis www.amteam.ch, Dozentin und Studienleiterin am www.icptp.ch
 
1 Brem Luitgard Familie in Tieren (Kinderzeichnungen)  Reinhardt, Basel, 2011 – 10 Auflage
2 Natho, Frank    Gespräche mit dem inneren Schweinehund Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen, 2010 – 2. Auflage
3 Alle Beispiele Anonymisiert
 
 
 
 

Mitglieder-Tagung «ADHS und Versicherungsmedizin» vom 22. März 2018

Isolde Schaffter-Wieland, Vorstandsmitglied SFG ADHS
 
Die SFG ADHS hat es sehr gefreut: 65 Interessierte fanden an diesem sonnigen Frühlingstag den Weg nach Olten, um an der Tagung mit anschliessender Mitgliederversammlung teilzunehmen. Die Refe­renten sind renommierte Fachpersonen und fanden entsprechend Aufmerksamkeit im Publikum.
 
Dr. med. Detlev Blocher, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte die ADHS-Begutach­tung einerseits vom strafrechtlichen Gesichtspunkt und andererseits vom versicherungsrechtlichen Aspekt her in den Fokus. Seine Ausführungen über den Risikofaktor ADHS in Bezug auf ein delinquen­tes Verhalten zeichnen ein ernüchterndes Bild. Eine Realität, die in der Gesellschaft in diesem Aus­mass noch nicht wahrgenommen, jedoch in Fachkreisen sehr wohl thematisiert wird. Kinder mit einer ADHS entwickeln in bis zu 50 Prozent der Fälle Störungen im Sozialverhalten. Die Wahrschein­lichkeit, Gewalt- oder Eigentumsdelikte zu begehen, ist bei ihnen erhöht. Umso wichtiger ist es, dass Eltern für eine multimodale Behandlung sensibilisiert werden, um dem betroffenen Kind einen mög­lichst deliktfreien Weg ins Erwachsenenalter zu ermöglichen. Studien belegen, dass die Prävalenz von ADHS in Gefängnispopulationen bis zu 50% beträgt! Im Vergleich zu anderen Straftätern beginnt bei ihnen die Delinquenz durchschnittlich 10 Jahre früher.
 
So ist die ADHS ein Risikofaktor für:
  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung > Gewalttätigkeit und Aggressivität
  • Suchterkrankungen > Betäubungsmittel- und Eigentumsdelikte
  • Stimmungs- und Impulskontrollstörungen > Sexualdelikte
Die ADHS-Anamnese erhöht das Risiko einer späteren Delinquenz um die Faktoren 6 bis 8.
Moderierender Faktor ist meist die Störung des Sozialverhaltens bzw. die dissoziale Persönlich­keitsstörung. (Blocher & Rösler 2001, Ziegler et. al 2003, Blocher 2009, 2013)
An erster Stelle der Delikte stehen Drogen- (80,3 %), gefolgt von Sexualdelikten (77,8 %), Gewalttätig­keit (77,4%) und Eigentumsdelikten (75,1%). Die Betroffenen zeigen oft auch während des Strafvoll­zugs ein auffälliges Verhalten, vor allem, wenn die Hyperaktivität nicht ausgelebt werden kann. Wie können Delinquente mit einer ausgeprägten ADHS vor einer weiteren Straffälligkeit präventiv be­handelt werden? Denn die Erfahrung zeigt gemäss Studien: Ohne Behandlung mit Stimulanzien oder einem späteren Abbruch der Medikation droht auch eine schnellere Rückfälligkeit.
 
ADHS und Delinquenz - Was ist zu tun?
  • Pharmakologische Interventionen als Primärbehandlung für Kinder und Erwachsene mit ADHS (Fredriksen et al., 2013): Methylphenidat
  •  Geringere Kriminalitätsraten bei ADHS Patienten innerhalb Perioden mit Medikamentenbehand­lung: Reduktion der Kriminalitätsrate um 32% bei Männern und 41% bei Frauen (Lichtenstein et al., 2012)
  • Stimulanzientherapie geht nicht mit einem erhöhten Risiko für Substanzmissbrauch einher (Chang et al., 2013; Ginsberg et al. 2015).
Zum Abschluss erläuterte Dr. Blocher, der seit 2017 im RAD der IV-Stelle des Kantons Bern arbeitet, das Versicherungsrecht und wie die IV im Falle einer adulten ADHS vorgeht. Hier die wichtigsten Punkte im Überblick.
 
Allgemeine Aspekte der IV
  • Zusprache einer Rente bei Personen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren hat zwischen 2008 – 2012 um 11 Prozent (BSV) zugenommen
  • Klar gilt die Regel: Eingliederung vor Rente
  • In Bern werden die Anträge der jungen Versicherten zukünftig gleich durch die Eingliederungsfachpersonen bearbeitet
 
Für die Versicherungsmedizinische Beurteilung sind relevante Faktoren:
  • die Diagnostik
  • der Verlauf der Störung
  • die Funktionsbeeinträchtigungen
  • Therapiemöglichkeiten
 
Für die Diagnostik der adulten Form des ADHS sind massgebend:
  • Der Nachweis der ADHS-Symptomatik im Kindes- und Jugendalter
  •  retrospektive Erfassung mit testpsychologischen Instrumenten
  •  fremdanamnestische Angaben
  • Die Befunde über frühere Anmeldungen bei der IV als GG
  • Zeugnisse für die relevanten Lebensabschnitte
  • Erfassung der klinischen Symptomatik seit der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter bis zum Anmeldezeitpunkt
  • Testpsychologische bzw. neuropsychologische Abklärung
  • Festlegung auf einen Subtypus
  • Keine andere Störung kann die Symptomatik besser erklären
 
Und letztlich zählen als relevante Faktoren für die IV-Anmeldung:
  • ADHS-Diagnose lege artis
  • Nachweis einer ADHS-Symptomatik im Kindes- und Jugendalter
  • • umfangreiche Abklärung möglicher komorbider Störungen (psychisch und somatisch)
  • Standardisierte Erfassung der Funktionsbeeinträchtigungen
  • Darlegung des therapeutischen Verlaufs
  • umfangreiche Informationen zum sozialen Umfeld
 
Das aufschlussreiche Referat von Dr. Blocher legte eine optimale Basis zum nachfolgenden dynami­schen Fachgespräch zwischen Dr. Oliver Bilke-Hentsch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie FMH, FA Vertrauensarzt (SGV) und Markus Bonelli, Sekretär der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte SGV. Die beiden tauschten sich in einem angeregten Frage- und Antwortmodus über Mythen und Fakten im Kontext von ADHS und (Kranken-)-Versicherungsmedi­zin aus. „In Bezug auf ADHS gibt es unterschiedliche Blickwinkel“, hielt Dr. Bilke-Hentsch gleich zu Be­ginn fest. Er sprach dabei die Positionen von Medizin, Recht, Politik und Gesellschaft an, die sich kontro­vers gegenüber­­stehen würden. Die beiden Experten versuchten die vertrauensärztlichen Rahmen­bedingungen zu beleuchten und Lösungsansätze für Spannungsfelder zwischen behandeln­den ÄrztInnen und VertrauensärztInnen zu entwickeln. Der Interpretations­spielraum mache es oft schwierig und die „Juristerei“ hinke der Medizin leider hinterher. Die Rolle des Vertrauensarztes umschrieb Dr. Bilke-Hentsch mit folgenden Worten: „Bei ihm landet, was von Gesetzes wegen sein muss.“ In der Diskussion ging es hauptsächlich um die Verweigerung der Kostenübernahme gewisser ADHS-Medikamente. Die Preise würden dabei keine Rolle spielen, sondern die Limitation, betonte Markus Bonelli. Ein Tagungsteilnehmer fragte: „Was haben unsere ADHS-Patienten unseren Ver­siche­rern angetan, wenn es um die Akzeptanz von Stimulanzien geht?“ Der Vertrauensarzt war der Auffassung, dass die gesellschaftspolitische Haltung dabei sicher auch einen Einfluss hat.
Im Anschluss an diesen spannenden Austausch fand die Mitgliederversammlung mit 30 Anwesenden (inklusive Vorstand) statt. Co-Präsident, Prof. Dr. Thomas Müller bedankte sich bei den Mitgliedern für das Vertrauen und wies darauf hin, dass die SFG ADHS ihre Dienstleistungen weiter ausbaue und die Weiterbildung für Hausärzte in den Qualitätszirkeln aktiv gefördert würde. In Erarbeitung befin­det sich für unsere Mitglieder ein spezieller Medikamentenpass (Dokument für Auto und Ausland­reisen). Die SFG ADHS ist weiter bestrebt, sich mit medizinischen und wissenschaftlichen Stellung­nah­men anlässlich politischer Interventionen zu positionieren. Froh wäre der Vorstand über Feed­backs und Anregungen zur neuen Webseite, damit sie optimal auf die Bedürfnisse der Mitglieder ab­gestimmt werden kann.

ADHS Aktuell

 
Editorial
 
Der aktuelle Newsletter legt den Schwerpunkt auf das Thema ADHS und Autofahren:
  • Felicitas Furrer stellt den Patientenausweise für den Strassenverkehr vor. Dieser erlaubt es ADHS-Betroffenen zu belegen, dass sie ihre Medikamente aus gesundheitlichen Gründen einnehmen.
  • Dr. med. Anna Buadze und Prof. Dr. med. Michael Liebrenz geben eine Übersicht zum Forschungsstand bezüglich ADHS und Autofahren. Sie zeigen, dass ADHS-Betroffene ein höheres Risiko für Verkehrsunfälle aufweisen als Nichtbetroffene, wobei nach neueren Metaanalysen das Risiko weniger stark erhöht ist, als ältere Studien vermuten liessen. Gleichzeitig zeigen die neueren Studien positive Effekte der Medikation auf das Unfallrisiko.
  • Isolde Schaffter-Wieland verdeutlicht, inwiefern die Symptome ADHS-Betroffener das Unfallrisiko erhöhen.
  • Ursula Ammann stellt in ihrer Serie ADHS Analog eine spielerische Variante vor, um sich in Coaching und Therapie schwierigen Fragen anzunähern.
  • Isolde Schaffter-Wieland bespricht zum Schluss das Buch „Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ von Dr. Bessel van der Kolk.
  • Ganz an Ende finden Sie wie immer Veranstaltungshinweise.
Herzliche Grüsse,
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
 
 

Neues aus dem Vorstand

Felicitas Furrer, Geschäftsleiterin SFG ADHS
 
Patientenausweis für den Strassenverkehr
 
Der Vorstand hat einen speziellen Patientenausweis für den Strassenverkehr entworfen. Damit können die ADHS-Patientinnen und Patienten belegen, dass sie ihre (ADHS)-Medi­kamente aus gesundheitlichen Gründen einnehmen müssen.
Der Ausweis ist als PDF-Dokument zum online Ausfüllen konzipiert und umfasst einen kurzen erläuterndem Text sowie den eigentlichen Ausweis als Talon zum Abtrennen (im Kreditkarten­format). 
Zurzeit wird der Ausweis von der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsme­dizin (SGRM) geprüft. Sobald der Text definitiv ist, wird er den Mitgliedern auf der SFG Website im internen Bereich zum Download zur Verfügung gestellt. Die SFG-Mitglieder werden selbstverständlich informiert, sobald der Patentenausweis verfügbar ist. 
 
Informationen und Formular für Reisen mit ADHS-Medikamenten ins Ausland
 
Die SFG hat wiederholt Anfragen zu Auslandreisen mit ADHS-Medikamenten erhalten und deshalb für unsere Mitglieder Informationen zu diesem Thema erarbeitet. Diese werden den SFG-Mitgliedern demnächst zusammen mit Dokumenten und Links auf der SFG-Website zur Verfügung gestellt.
 
Der SFG-Vorstand und die SFG-Geschäftsstelle wünschen Ihnen und Ihren Familien frohe Festtage und alles Gute für das neue Jahr 2019.
 

ADHS im Strassenverkehr

Dr. med. Anna Buadze, Leiterin ADHS Spezialambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Prof. Dr. med. Michael Liebrenz, Chefarzt des Forensisch Psychiatrischen Dienstes des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
Einleitung
 
In den Medien wird häufig vor der Einnahme von Stimulantien, insbesondere vor dem Gebrauch von Ritalin® durch Fahrzeuglenker gewarnt. Dabei wird auf einen Personenkreis abgezielt, der diese Substanzen zu rekreationalen Zwecken zum Beispiel im Ausgang missbraucht und anschliessend am Strassenverkehr teilnimmt. Vereinzelt wird auch von Ausweisentzügen berichtet, die wegen der Einnahme von Ritalin® am Steuer vorgenommen wurden (Tagesanzeiger 27.10.2017). Bei PatientInnen die an einer „lege artis“ diagnostizierten ADHS des Erwachsenenalters leiden und sich einer Pharmakotherapie unterziehen, lösen diese Berichte regelmässig grosse Verunsicherung aus. Im klinischen Alltag kann dies bis zum Abbruch einer an sich indizierten Stimulantientherapie führen, da die Betroffenen befürchten, im Rahmen von polizeilichen Strassenverkehrskontrollen in einen Erklärungsnotstand zu geraten, und davor Angst haben, dass ihr Führerausweis „an Ort und Stelle“ eingezogen wird. Häufig ist zudem zu beobachten, dass die individuelle Mobilität einen so hohen Stellenwert besitzt, dass die blosse Möglichkeit einer derartigen Sanktionierung die PatientInnen dazu bewegt, die Medikamenteneinnahme zu hinterfragen. Die Aufklärung über die Risiken der Teilnahme am automobilen Strassenverkehr für PatientInnen mit ADHS, die Psychoedukation der Betroffenen u.a. bezogen auf die Fahrfähigkeit unter dem Einfluss von Stimulantien und die rechtlichen Rahmenbedingungen des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) sind daher im klinischen Alltag von unterschätzter, aber grosser Relevanz auch in Hinblick auf die Therapietreue.
 
Fall
 
Eine 32 jährige Ärztin, ehemalige Leistungssportlerin, kam 06/2017 ins Spezialambulatorium für ADHS der PUK Zürich wegen mehrerer Strafbefehle und Führerausweisentzüge aufgrund von Widerhandlungen gegen das SVG (Geschwindigkeitsüberschreitungen aber auch das Überfahren des Rotlichtes). Sie befürchtete, dass deswegen unter anderem die ärztliche Approbation auf dem Spiel stehe. Anamnestisch habe sie während der gesamten Schulzeit, der Aus- und Weiterbildung (Medizinstudium und anschliessende Facharztausbildung) 4-6 Stunden Sport täglich getrieben. Auch heute noch sei sie an den meisten Tagen der Woche sportlich aktiv. Sie verfüge über gute Kompensationsmechanismen im Bereich Organisation „nur noch das Verlieren/Verlegen“ sei „ein wenig problematisch“. Sie habe sich als Beruf ein „absolutes Interessengebiet“ ausgesucht - hier passierten allerdings häufige Fehler im Berichtswesen. Die Einnahme von Noxen oder Medikamenten verneinte sie glaubhaft.
 
Leidensdruck
 
Subjektiv vor allem im oben genannten Bereich. Frau X.Y. berichtet davon, sich trotz jahrelanger Fahrpraxis beim Autofahren nicht unterhalten zu können und Fehler insbesondere dann zu machen, wenn Beifahrer dabei seien und versuchen würden mit ihr zu reden. Ausserdem könne Sie beim Autofahren weder Musik noch Radio hören.
 
Die Neuropsychologische Testung ergab - Auszug aus der Beurteilung: „In den TAP-Untertests geteilte Aufmerksamkeit, Flexibilität und verdeckte Aufmerksamkeitsverschiebung unterlaufen der Probandin überdurchschnittlich viele Fehler. Es bereitet Frau X.Y. Schwierigkeiten zwei unterschiedliche Reize gleichzeitig zu bearbeiten bzw. sich von einem Reiz auf den anderen umzustellen.“
 
E-Mail von Frau X.Y.
 
„Liebe Frau Dr. Buadze, Anbei sende ich Ihnen den Strafbefehl. Mit diesem Strafbefehl wurde natürlich ein bedingter Strafbefehl aktiv, wo ich auch noch 1800 Franken zahlen musste. Ich hatte innerhalb 1.5 Jahren 3 Strafbefehle aufgrund Unachtsamkeit beim Autofahren, d.h. total 10`000 CHF reiner Strafbetrag und dann kamen noch die Anwaltskosten als auch kleinere Bussen hinzu. Retrospektiv erschreckend. Diesen Strafbefehl dürfen Sie gerne anonym weiterverwenden.....“
 
Procedere
 
Psychoedukation, die Einleitung der multimodalen Therapie der ADHS. Pharmakotherapie mit retardiertem Methylphenidat. Seither keine weiteren Verstösse gegen das SVG.
 
Wichtige Aspekte
Begriffe
Fahreignung
 
Allgemeine, zeitlich nicht umschriebene und nicht ereignisbezogene psychisch und physisch genügende Voraussetzung des Individuums zum sicheren Lenken eines Motofahrzeuges im Strassenverkehr. Diese muss stabil vorliegen.  (Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Haag und Dittmann 2005)
 
Fahrfähigkeit
 
Momentane psychische und physische Befähigung des Individuums zum sicheren Lenken eines Motorfahrzeuges im Strassenverkehr. (Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Haag und Dittmann 2005)
 
Rechtliche Grundlagen
Melderecht des Arztes
 
Art. 14 Abs. 4 SVG: Jeder Arzt kann Personen, die wegen körperlicher oder geistiger Krankheiten oder Gebrechen oder wegen Süchten zu sicheren Führung von Motorfahrzeugen nicht fähig sind, der Aufsichtsbehörde für Ärzte und der für Erteilung und Entzug des Führerausweises zuständigen Behörde melden
 
Vertrauensärztliche Kontrolluntersuchung (Art. 27 Abs. 1 VZV (Verkehrszulassungsverordnung)
 
 1 Die Pflicht, sich einer vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung zu unterziehen, besteht für:
• a. die folgenden Fahrzeugführer bis zum 50. Altersjahr alle fünf Jahre, danach alle drei Jahre:
– 1. Inhaber eines Führerausweises der Kategorien C und D sowie der Unterkategorien C1 und D1,
– 2. Inhaber der Bewilligung zum berufsmässigen Personentransport nach Artikel 25,
• b. über 70-jährige Ausweisinhaber alle zwei Jahre;
• c. Ausweisinhaber während oder nach schweren körperlichen Beeinträchtigungen durch Unfallverletzungen oder schweren Krankheiten. (www.admin.ch)
 
Störungsspezifische Probleme und aktuelle Erkenntnisse aus der Literatur
 
Als einen der häufigsten Gründe für Verkehrsunfälle in den D-A-CH Ländern wird allgemein die Unaufmerksamkeit des Fahrzeugführers genannt. Verkehrsunfälle und die mit ihnen assoziierte hohe Morbidität und Mortalität, stellen dabei für Gesundheitssysteme im Generellen eine grosse Herausforderung dar. Einige, bereits ältere Studien konnten aufzeigen, dass ADHS-Betroffene ein höheres Risiko aufweisen, in Verkehrsun­fälle verwickelt zu werden. Dieses lässt sich vor allem durch die Kernsymptome der Störung: erhöhte Ablenk­bar­keit und Impulsivität sowie gestörte Aufmerksamkeitsleistung erklären. Von einigen Autoren wurde in diesem Kontext von einem bis zu 2-4 fach erhöhten Risiko im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen berichtet (Barkley,1993; Weiss, 1993; Murpy & Barkley, 1996, 2004; Barkley & Cox, 2007;), allerdings wiesen diese Studien aufgrund von kleinen Teilnehmerzahlen, dem Ausschluss weiblicher Probanden etc. doch einige erhebliche Limitationen auf.
Eine Forschungsgruppe um Zheng Chang veröffentlichte dann 2014 eine auf Daten des schwedischen National­registers basierende Studie mit Angaben von 17‘408 ADHS betroffenen Personen. Diese konnten das höhere Risiko sowohl für männliche (HR=1.47) als auch für weibliche Probanden (HR=1.45) zwar bestätigen, wiesen gleichzeitig aber auf signifikante Effekte der Medikation in Hinblick auf die Reduktion der Unfallhäufigkeit bei männlichen Patienten hin (Chang et al; 2014 Serious transport accidents in adults with attention-deficit/hyper­activity disorder and the effect of medication: a population-based study).
Eine neuere Untersuchung aus dem Jahr 2017, welche die Daten von 2'319’450 ADHS-Patienten analysierte, konnte die positiven Effekte der Pharmakotherapie auf einen Rückgang der Unfallhäufigkeit beider Geschlechter noch klarer aufzeigen: Männliche Patienten hatten in den Monaten der Medikamenteneinnahme ein um 38% tieferes Risiko an Verkehrsunfällen beteiligt zu sein verglichen mit den Monaten in denen keine Medikation erfolgte,  weibliche Patienten wiesen in derselben Konstellation sogar ein um 42% tieferes Risiko auf. (Chang et al; 2017 Association between medication use for attention-deficit/hyperactivity disorder and risk of motor vehicle crashes).
Letztlich soll an dieser Stelle noch eine dritte Publikation Erwähnung finden: Im Rahmen einer retrospektiven Kohortenstudie basierend auf den Daten von 2‘479 ADHS betroffenen Adoleszenten und jungen Erwachsenen und 15‘865 Personen ohne ADHS Diagnose konnte gezeigt werden, dass 6 Monate nach Erreichen des Mindest­alters für den Führerausweis ADHS-Patienten zu 35 % seltener im Besitz eines solchen waren. Bei Personen mit Führerschein verunfallten 764 von 1785 mit ADHS (42,8%) und 4715 von 13‘221 ohne ADHS (35,7%) während des Studienzeitraums. Das adjustierte Risiko für den ersten Unfall bei ADHS-Fahrern war damit 1,36-mal höher als bei Patienten ohne ADHS (95% CI, 1,25-1,48) und variierte nicht nach Geschlecht, Alter beim Erwerb des Führerausweis oder nach Dauer des Besitzes der Fahrerlaubnis (Curry et al; 2017 Motor vehicle crash risk among adolescents and young adults with attention-deficit/hyperactivity disorder).
 
Schlussfolgerungen und klinische Relevanz
 
Patienten, welche von ADHS betroffen sind, erlangen später den Führerschein (häufig sind mehr Fahrstunden und Prüfungsanläufe notwendig) und weisen ein höheres Risiko für die Verwicklung in Verkehrsunfälle auf. Frühere Studien, nach denen von einem bis zu 2-4 fach erhöhten Risiko im Vergleich zu gesunden Kontroll­gruppen berichtet worden waren, erhärteten sich zwar nicht, dennoch ist das HR zwischen 1.45 und 1.47 ange­siedelt. Der Sensibilisierung, Aufklärung und Psychoedukation kommt deshalb im klinischen Alltag eine grosse Bedeutung zu.
Patienten sollten darüber informiert werden, dass eine Pharmakotherapie das Risiko für Verkehrsunfälle signifi­kant senkt, wobei retardierte Präparate vorteilhafter sind, um während der Fahrt auftretenden „Reboundeffek­ten“ vorzubeugen. Insbesondere, wenn Betroffene am Individualverkehr in Zeiten mit hohem oder sehr hohem Verkehrsaufkommen teilnehmen, sollte Patienten zur Medikamenteneinnahme geraten werden, da diese erwie­senermassen zu einer Leistungsverbesserung („impoving driving skills“) führt. Auf langen Reisen sollten genügend Pausen mit Übungen (kurze intensive Bewegungen an der frischen Luft) eingeplant werden. In moder­nen Fahrzeugen stehen hier zur Unterstützung auch elektronische Hilfen, wie z.B. Aufmerksamkeits-Assistenten zur Verfügung, die eine nachlassende Konzentration detektieren können und für deren Warnungen PatientInnen sensibilisiert werden sollten. Im Weiteren wird in der Literatur eine maximale Reduktion der Ablenkung (Distraktoren) empfohlen: So sollen Betroffene z.B. ihre Beifahrer um Ruhe bitten, keine laute Musik hören und das Telefon am Steuer gar nicht – auch nicht mit der Freisprecheinrichtung – nutzen. Zudem sollten die betroffe­nen Fahrer die Augen nicht von der Strasse nehmen, auch dann nicht, wenn sie direkt von jemanden ange­sprochen werden. (Barkley et al. 2004; Cox et al. 2000 (Effect of stimulant medication on driving performance of yound adults with ADHS: db pl.controlled trial), R.A. Barkley, ADHD in Adults, 2010)).
Bezüglich der rechtlichen Rahmenbedingungen des SVG ist festzuhalten, dass Artikel 16d den Entzug des Führerausweis auf unbestimmte Zeit regelt und unter Ziffer 1 Buchstabe a ausführt «Der Lernfahr- oder Führerausweis wird einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn: ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug sicher zu führen.» Im klinischen Alltag ist eine generelle Verneinung der Fahreignung durch die Behörden bei Betroffenen mit ADHS ohne Komorbidität nie Diskussionsgegenstand geworden. Bezüglich der Fahrfähigkeit können Betroffene darauf hingewiesen werden, dass die bestimmungsgemässe Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels am besten ausgewiesen wird, indem die PatientInnen ein Begleitschreiben der Behandlerin oder des Behandlers mitführen. 
 

ADHS und Autofahren – ein Risiko?

Isolde Schaffter-Wieland
 
Der renommierte amerikanische Professor für Psychiatrie Russell A. Barkley gilt international als führender ADHS-Experte. In seinem Werk „Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ widmet er ein ganzes Kapital dem Thema Autofahren, Gesundheit und Lebensweise. Dabei geht es ihm darum, Risiken zu erkennen und auszuschalten. Seine Ausführungen sind nicht nur aufklärend, sondern auch sehr authentisch, weil er darin eindrücklich den tödlichen Selbstunfall seines betroffenen Zwillingsbruder Ronald beschreibt. „Vielleicht bekommt sein tragischer Tod einen Sinn, wenn Sie und andere Menschen mit ADHS eine Lehre daraus ziehen können.“ Die beiden waren zweieiige Zwillinge und Ron hatte seit seiner frühen Kindheit eine mittlere bis schwere ADHS, die bis zu seinem plötzlichen Tod mit 56 Jahren fortbestand. „Rons Verkehrssündenregister war beachtlich, und sein Fahrverhalten wies nahezu alle Risikofaktoren auf, die ich und andere Forscher im Zusammenhang mit ADHS identifiziert haben.“ Verschiedene US-Studien zeigen die Problematik einer ADHS im Zusammenhang mit dem Autofahren auf. Es ist erwiesen, dass Betroffene im Strassenverkehr im Gegensatz zu Nichtbetroffenen
  • oft viel unaufmerksamer und leichter ablenkbar sind
  • häufiger keine Gurten tragen
  • ohne Freisprechanlage telefonieren oder während des Fahrens ihre SMS/Mails checken
  • einen aggressiven oder unberechenbaren Fahrstil pflegen und gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern ausfällig reagieren.
 
Daraus resultieren im Vergleich zu Menschen ohne ADHS mehr Unfälle, Geschwindigkeitsübertretungen, Fahrausweisentzüge oder hohe Bussen. Russell A. Barkley vermittelte im Ratgeber viele Tipps. Er betont jedoch auch ausdrücklich, dass ADHS-bedingte Fahrprobleme medikamentös gut behandelbar sind und bedauert, dass sein Bruder diesbezüglich zu unbekümmert und desorganisiert war und seine Medikamente nie regelmässig oder lange genug genommen hatte. 
 
Erschienen ist Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS, bei Hogrefe CHF 39.90

ADHS Analog

Ursula Ammann
 
In einer regelmässigen Serie schreibt Ursula Ammann über analoge Methoden, die sich im Therapie und Coaching-Bereich bewährt haben. Heute zum Thema:
 
Uno Spielen als Psychoedukation und Co
 
Ich gebe es zu: die Idee stammt nicht von mir. Ein junger Mann aus der Transgender Community war bei mir. Er sprach noch nicht so viel und wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit. Spontan fragte ich ihn, was er denn gerne machen würde. Da richtete er sich mit leuchtenden Augen auf und fragte, ob ich ein Uno-Spiel da hätte. Sie würden das an ihren Treffen oft spielen und hätten Zusatzregeln. Jeder Farbe sei eine Bedeutung zugeteilt.
 
Rot       Das mache ich gar nicht gerne
Grün    Das mache ich richtig gerne
Gelb     Stelle deinem Gegenüber eine Frage
Blau     Erzähle eine Kindheitserinnerung
 
Wir hatten eine sehr vergnügte halbe Stunde zusammen und erfuhren viel voneinander.
 
Ich schnappte die Idee auf und adaptierte sie für meine Klienten, für die Supervision und für meine Studierenden. Überall waren alle begeistert dabei und wir hatten innert kürzester Zeit gute Lern-Verknüpfungen.
 
Besonders bewährt haben sich die beiden folgenden Vorlagen:
 
Für Einzel- oder Gruppensettings
 
 
 
 
Für Gruppen ab drei Personen
 
                  
Man kann die Fragen fast unendlich variieren. Z.B. «tolle Ideen um leichter zu lernen»; «das fällt mir besonders schwer»; «da war ich mal richtig gut» etc.
 
Spielerisch wird der Zugang zu ev. schwierigen Fragen erleichtert und das Selbstwertgefühl gestärkt.  Nebenbei wird die Vernetzung und Verknüpfung von Lerninhalten spielerisch möglich. Mit einem Klienten, der sich in Französisch verbessern musste, habe ich eine Farbe mit Fragen in der Fremdsprache versehen. Die Fragen können auch auf die Stärken und Interessen der Klienten abgestimmt werden, so stand die Farbe Blau bei einem Buchhändler für die Aufforderung «erzähle mir von einem Buch, das Du gelesen hast». Von uns auf der Therapeuten/Coach-Seite braucht es allerdings Offenheit, die Fragen auch zu beantworten, die unter Gelb dann jeweils kommen ;-)
 
Ich wünsche Ihnen/Dir fröhliches Spielen. Wie immer stehe ich für Fragen gerne zur Verfügung Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

Ein Meisterwerk über das sprachlose Entsetzen

Buchvorstellung Isolde Schaffter-Wieland, Vorstandmitglied SFG ADHS
 
Die Anfrage einer Institution sozialpädagogisch geführter Pflegefamilien zum Thema ADHS und Trauma hat mich bei Recherchen zu diesem Thema zum spannenden und enorm info­r­mativen Grundlagenwerk „Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ von Dr. Bessel van der Kolk geführt. Der renommier­te Professor der Psychiatrie an der Boston University ist Leiter des National Complex Trau­ma Treatment Networks. Er befasst sich seit Jahrzehnten mit der Entstehung, den Hinter­grün­den und der Heilung von Traumata. Dies unter Einbezug der Neurowissen­schaft, Ent­wick­lungspsychopathologie sowie der interpersonalen Neurobiologie.
Die ADHS-Veranlagung erhöht bei gegebenen Umständen das Risiko eine PTBS zu entwickeln. Dazu hält der Mediziner und selbst betroffene Walter Beerwerth in seiner Rezension fest: „Eine PTBS wegen Vernachlässigung oder Misshandlung im frühen Kindesalter führt zu dauernden Veränderungen im Gehirn, die denen bei einem ADHS weitgehend gleichen oder ein vorhandenes verstärken...“
Van der Kolk bestätigt in seinem Buch die Erkenntnisse, dass das Einkommen, die Familien­struktur, die Wohnsituation, die berufliche Position und die Ausbildungschancen nicht nur aus­schlaggebend dafür sind, in welchem Masse Menschen Gefahr laufen, trau­matische Belastungszustände zu entwickeln, sondern auch dafür, ob und in welchem Masse sie in den Genuss effektiver Hilfe bei der Überwindung ihrer Probleme gelangen.
Untersuchungen in den drei neuen Wissenschaftsbereichen (Neurowissenschaft, Entwick­lungs­psychopathologie und interpersonale Neurobiologie) haben ergeben, dass Traumata zu physiologischen Veränderungen führen – unter anderem des Alarmsystems des Ge­hirns, was zu einer verstärkten Ausschüttung von Stresshormonen und zu Veränderungen im System führt, welches relevante Informationen von irrelevanten trennt. Van der Kalk: „Wir wissen heute, dass Traumata sich negativ auf den Gehirnbereich auswirken, der das physische, verkörperte Empfinden des Lebendigseins vermittelt. Diese Veränderungen erklären, warum Traumatisierte auf Gefahren mit Hypervigilanz reagieren und warum dies ihre Fähigkeit zu spontanem Verhalten im Alltagsleben beeinträchtigt. Außerdem helfen sie uns zu verstehen, weshalb Traumatisierte so oft die immer wieder gleichen Probleme be­kommen und weshalb es ihnen so schwer fällt, aus Erfahrung zu lernen. Wir wissen heute, dass ihr Verhalten keine Folge eines moralischen Mangels, unzureichender Willenskraft oder einer Charakterschwäche ist, sondern dass es durch reale physische Veränderungen in ihrem Gehirn verursacht wird.“
Im Epilog hält Bessel van der Kolk fest, dass es mit Hilfe komplizierter Imaging-Verfahren gelungen ist herauszufinden, wie und wo PTBS im Gehirn entsteht, so dass wir jetzt ver­stehen, warum Traumatisierte sich durch Geräusche und Lichter gestört fühlen und weshalb sie manchmal Wutanfälle bekommen oder sich bei der kleinsten Provokation aus dem Kontakt zurückziehen. Wir wissen heute, wie Ereignisse im Laufe des ganzen Lebens eines Menschen Struktur und Funktion seines Gehirns und sogar die Gene verändern, die er an seine Kinder weitergibt. Und wenn wir viele der Prozesse verstehen, die traumatischen Be­lastungszuständen zugrunde liegen, so ermöglicht uns dies, die Entwicklung der verschie­densten Interventionen, die jene Gehirnbereiche, die bei der Selbstregulation, Selbstwahr­neh­mung und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen, wieder funktionsfähig machen. Wir wissen inzwischen nicht nur viel über Möglichkeiten, Traumata zu behandeln, sondern auch darüber, wie wir ihre Entstehung von vornherein verhindern können.
 
 
 
Van der Kolk beschreibt in seinem Werk nebst eindrücklichen Fallbeispielen auch ausführlich die von ihm jahrzehntelang im Trauma-Center erprobten Heil- und Therapiemethoden wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), Neurofeedback, IFS (Self-Leader­­ship) und Achtsamkeitstraining und verweist auch auf die heilsame Wirkung des Schreibens. „Verkörperter Schrecken“ vermittelt ein faszinierendes und neuartiges Verständnis für die Ursachen und Folgen von Traumata und schenkt Hoffnung und Klarheit. Um es mit Dr. Walter Beerwerth’s Worten zu bestätigen: „Endlich ein fundiertes, lesbares, umfassendes und mitfühlend verfasstes Buch aus der Mitte der Forschung, was unter Nutzung der Neurobiologie hilft, den einzelnen Kranken zu verstehen und zu schätzen. So sollte Psychiatrie sein."
 
G.P. Probst Verlag GmbH
4. Auflage 2017, 496 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-944476-13-1  l
36 EUR (D)
 

Hinweise auf Veranstaltungen 2019

Felicitas Furrer, Geschäftsleiterin SFG ADHS
 
  • Donnerstag, 21. März 2019:14.00 – ca. 17.30 Uhr: Mitgliederversammlung der SFG ADHS, mit Referaten zum Thema «ADHS und Autismus bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen» von Dr. med. Peter Eisler und Dr. med. Ronnie Gundelfinger, Bahnhofbuffet Olten
Weitere Informationen folgen auf www.sfg-adhs.ch.
 
  • Samstag, 22. Juni 2019, 08.15 – ca. 15.45 Uhr:6. Nationale ADHS Tagung für Betroffene und Fachpersonen, Universität Zürich, Rämistrasse 71, Zürich
Tagungsthema: ADHS - (K)ein Thema mehr? .
Weitere Informationen folgen auf www.sfg-adhs.ch oder https://befa-adhs.ch/
 
  • Freitag 13.- Sonntag 15. September 2019: 1. Internationaler deutschsprachiger ADHS-Kongress über Landes-, Alters- und Berufsgrenzen hinaus.
Weitere Informationen folgen auf www.sfg-adhs.ch
 

ADHS Aktuell

 
Editorial
 
Der aktuelle Newsletter ist der BEFA gewidmet. Die 6. Nationale ADHS-Tagung für Betroffene und Fachpersonen widmete sich dem Thema Digitalisierung und den damit verbundenen Chancen und Risiken für ADHS-Betroffene. Es berichtet Isolde Schaffter-Wieland.Stefanie Rietzler widmet sich in Form eines Videos dem Thema «Arbeitstempo».Am Schluss folgt ein Hinweis auf die Mitgliedertagung der SFG ADHS.
 
Herzliche Grüsse,
 
Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler
 

ADHS – (K)Ein Thema mehr?

Isolde Schaffter-Wieland, Beraterin elpos Zürich, VS-Mitglied SFG ADHS

 

Auswirkungen der Digitalisierung

 

Die 6. Nationale ADHS-Tagung für Betroffene und Fachpersonen fand dieses Jahr in der ehrwürdigen alten Universität an der Rämistrasse 71 in Zürich statt. Einmal mehr konnten die Schweizerische Fachgesellschaft ADHS und elpos Schweiz für den Anlass hochkarätige Referentinnen und Referenten wie Prof. Dr. Susanne Walitza, Prof. Dr. Allan Guggenbühl und Prof. Dr. Edna Grünblatt gewinnen.

Eingeführt in die spannende Tagung hat der Informatiker Daniel Ammann mit dem Kurzreferat «Digitalisierung und jetzt?». Mit seiner Feststellung: «Wäre ich digital, so wäre ich ein iPhone oder Google…» gewann der junge Mann die 221 Teilnehmenden auf Anhieb als aufmerksame Zuhörer. Seine wichtigsten Apps seien One Drive, die Cloud-Dienste und Wonderlist. Mit klaren Worten beschrieb er Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Sein Ausblick in die digitalisierte Zukunft hinterliess gemischte Gefühle. Daniel Ammann zog das Fazit: «Digital ist gut und recht – man muss lernen, damit umzugehen. Selbst finde ich es beängstigend, dass sie so schnell vorangeht.» Nach der anschliessenden Fragerunde sorgte «Stegreif-Comedian» Christian Käser alias Pumpernickel für eine unterhaltsame Atmosphäre in der Aula.

Sympathisch und humorvoll bestritt Prof. Dr. Susanne Walitza das erste Hauptreferat «ADHS und pathologischer Internetgebrauch». Sie hielt fest, dass ADHS ein Risikofaktor für eine problematische Internetznutzung und Internetabhängigkeit sei (Barth + Renner, 2015). In der Schweiz sind 7,4 % von einem problematischen Medienkonsum betroffen, in asiatischen Ländern liegt die Zahl bei 20,7 %! «Medienkompetenz sollte zuhause und in der Schule vermittelt werden.»

Als positiven Aspekt der Digitalisierung betrachtet die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich:

  • Einfache und jederzeit abrufbare Informationen, die das Wissen erweitern
  • Hohe Flexibilität
  • Lernmöglichkeiten
  • Schneller, billiger und einfacher soziale Austausch, erleichterte Kommunikation

Negative Auswirkung hingegen sind:

  • Schlechter Schlaf
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Adipositas
  • Einfluss auf die Psyche, internalisierendes und externalisierendes Verhalten, depressive Symptome
  • Tagesschläfrigkeit (Lehrer beobachten dies häufig bei ADHS-betroffenen Schülern)
  • Spiele mit suchtinduzierenden Eigenschaften!
  • Schneller Erfolg = Belohnung

Ihr Referat beschliesst Dr. Walitza mit dem Wunsch eines verstärkten Dialogs mit der Game-Industrie, um sie in die Verantwortung gegenüber dem Konsumenten zu nehmen.

Der Unternehmer, Blogger und Influencer Ralph Widmer sprach authentisch und mitreissend wie er trotz oder vielmehr dank ADHS zum erfolgreichen Online-Unternehmer wurde. Er sieht in der Digitalisierung durchaus eine Chance für Betroffene. Und es sei ein Potential vorhanden, das unbedingt genutzt werden sollte. Er beruft sich dabei auf die eigene Erfahrung. So hatte er bereits als Kind grosses Interesse für Computer und Software und baute PCs. Mit 23 nutzte er seine Fähigkeiten und stieg in den IT-Bereich ein, wo er schon kurz darauf als Projektführer im Ausland eingesetzt wurde. «Mein Vater wollte zwar stets, dass ich studiere. Jetzt bin ich 33 und erstmals an einer Universität – als Referent», witzelte der Marketingprofi. Vom Enfant terrible entwickelte er sich zum erfolgreichen, selbständigen Unternehmer. Inzwischen kennt er Strategien, wie er mit der hyperaktiven Veranlagung umgehen kann, und erkennt, wann es Zeit für eine Pause ist. Meditation und Sport «erden» ihn, Auszeiten vom Smartphone (digitaler Detox nach Tim Ferriss) verschaffen ihm auch mentale Verschnaufpausen. Wichtig sei, auch das Wording sich selbst gegenüber anzupassen. «Statt ich kann das nicht, ich versuch’s…»

In diesem Sinne bittet er die anwesenden Eltern, ihre Kinder nicht als Kranke zu behandeln, sondern ihnen die Freiheit zur Entfaltung zu ermöglichen, sie in ihren Stärken zu fördern und nicht in das eigene Schema zu lenken. Ihm habe eine klare, konsequente Linie geholfen. «Hart, aber fair!» Children aren’t worried about the future. Young people arent’t worried about the future; they’re worried about us: us leading them into the future we envision. (Jack Ma) Das Fazit von Ralph Widmer zu Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und darin enthaltenen Chancen: «Die Technologie lässt sich nicht aufhalten. Was wir bewahren müssen, ist unser Menschsein.»

Nach der Mittagspause standen verschiedene Kurzreferate oder Workshops auf dem Programm, die sich hauptsächlich ums Tagungsthema drehten. «Gamen, chatten & Eltern, die nur noch hypern», lautete der Titel des Referats von Prof. Dr. Allan Guggenbühl, Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich. In seinen spannenden und lebendigen Ausführungen visualisierte er deutlich die beiden Welten, in denen sich Kinder, Jugendliche und Erziehungspersonen bewegen. Während bei Erwachsenen neue Techniken oft Ängste auslösen, bietet das Internet den Kindern die Gelegenheit sich eine Gegenwelt zu den Erwachsenen zu generieren», erklärt der Leiter des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM). Beim Gamen, Chatten haben sie das Gefühl, dass sie sich von den Erwachsenen abgrenzen können. «Sie leben in einer Blase.»

Ein angepasster Medienkonsum funktioniere nur über Massnahmen, Regeln und Konsequenzen – nicht über Einsicht.  Mehr als täglich 1 ½ bis 2 h sollte die digitale Zeit für einen Teenager nicht überschreiten. Bereits ab 9/10 Jahren kann der Medienkonsum problematisch werden. Warnzeichen sind Übermüdung oder der Kontaktentzug. Dabei sei es besonders wichtig, mit dem Jugendlichen in Kontakt zu bleiben, Themen anzusprechen, die ihn interessieren wie beispielsweise ein Gespräch über Gott und die Liebe. Dies seien Themen, die von den Eltern kaum mehr angesprochen würden. Prof. Allan Guggenbühl veröffentlichte unlängst sein Buch «Für mein Kind nur das Beste. Wie wir unseren Kindern die Kindheit rauben». Es ist ein Plädoyer für die Bewahrung der Kindheit. «Kinder sind nicht unfertige Erwachsene, sondern Menschen mit eigenem Profil, eigenen Bedürfnissen und dem Recht auf eine Kindheit.»

Einen für Fachpersonen interessanten Abstecher in die Forschung ermöglichte Prof. Dr. Edna Grünblatt, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Universität Zürich, Laborleitung. Sie widmete ihr Referat der Frage: «Was können wir aus personalisierten ADHS-Modellen lernen? Neuronen in der Petrischale». Die engagierte Spezialistin interessiert sich als Mutter eines betroffenen Sohnes seit längerem für die ADHS-Forschung und wie Methylphenidat auf das Gehirn wirkt. Als ausschlaggebende Risikofaktoren für eine ADHS führte sie auf:

Genetik 75%:

  • Eltern
  • Geschlecht

Umwelt 25%:

  • Stress in der Schwangerschaft
  • Niedriges Geburtsgewicht
  • Pränataler Stress
  • Rauchen u.a.

Ein Gen allein führe nicht zu ADHS – es brauche eine Kombination (nicht monogenetisch, sondern polygenetisch). So beeinflussen pränatale und postnatale Stressfaktoren die Gehirnreifung des Kindes signifikant. Zu einem nichtbetroffenen Kind betrage diese Differenz bei ADHS fast 4 Jahre. Erkenntnis der Wissenschaft: Methylphenidat scheint bei längerer Einnahme auch die Hirnreifung positiv zu beeinflussen.

Prof. Grünblatt hielt fest, dass über ADHS viel bekannt ist, aber die zellulären und molekularen Prozesse noch im Dunkeln liegen. Sie stellte neue Forschungsprojekte und erste Ergebnisse von Verfahren vor, bei denen aus Haarwurzeln von Menschen mit ADHS und von Kontrollprobanden Stammzellen hergestellt werden, die zwei oder mehrere verschiedene, unterschiedlich differenzierte Zellen bilden können. Diese Stammzellen werden schliesslich zu naturierten Neuronen entwickelt, um die Differenzierung und Reifung der Neuronen zu beobachten und daraus zu lernen, weshalb manche Patienten mit ADHS auf bestimmte Therapien ansprechen und andere nicht.

«Digitalisierung in der Berufswelt – Chancen oder Risiko?», dieser spannenden Frage widmete sich Dr. Liliane Müller, Psychologin und Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin, Laufbahnzentrum Stadt Zürich. Wie der Unternehmer Ralph Widmer bereits betonte, eröffnen sich mit der Digitalisierung auch neue Wege. Zwar verschwinden dadurch auch Berufe und Jobs für Niedrigqualifizierte, aber gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder. Gemäss Liliane Müller ermöglichen neue Technologien auch mehr Kreativität. Roboter als «Arbeitskollegen» übernehmen eintönige Routinetätigkeiten und vereinfachen, respektive beschleunigen eine Arbeit. Gefragt ist in der digitalen Welt eine neue Denkweise. Fähigkeiten, die oft auch Benefits von ADHS-Betroffenen sind: kreativ, offen, neugierig, agil, teamfähig. Programmierkenntnisse, technische und soziale Skills sind weitere Ressourcen für die VUCA-Welt (Volatil, Uncertain, Complex, Agil). Neue Berufsbilder sind beispielsweise: BIM Koordinator/Koordinatorin (Baubranche), Mediamatiker, HörsystemakustikerIn, Interactiv Media DesignerIn, Medientechnologin/loge, Veranstaltungsfachleute. Die Herausforderungen für Menschen mit ADHS sind:

  • Struktur
  • Arbeitstempo
  • Schnell im Stress
  • Ablenkungsgefahr
  • Selbstwert

Fazit der Fachfrau:

In Zukunft sind die Fähigkeiten von ADHS-Betroffenen gefragt! Aber: Die Welt wird schneller und weniger fassbar, was überfordern könnte.

Deshalb bei der Berufswahl und Lehrstellensuche:

  • Interessen gut abklären
  • Stärken und Herausforderungen genau anschauen
  • Sich durch gezielte Therapie helfen lassen
  • Mit offenen Karten spielen
  • Ein Jobcoaching in Anspruch nehmen

Einmal mehr stiess das Referat von Psychologe Fabian Grolimund von der Akademie für Lerncoaching, Zürich, auf grosses Interesse. Sein Workshop zum gleichnamigen Buch «Vom Aufschieber zum Lernprofi» war zweimal voll besetzt.

Wie die PäPKi-Therapie bei ADHS und der Flucht in die digitale Welt helfen kann, vermittelte Susanne Biasio von der Praxis für Entwicklungsförderung in Uster. Sie warf zu Beginn ihres Referats die Frage auf: Öffnet Bill Gates ADHS die Tore? Tatsächlich können aufgrund gewisser Defizite Betroffene ihre Genialität und Fähigkeiten oft nicht zur Geltung bringen – aber im Netz sind sie unschlagbar: Sie «graben» (englisch: to dig) das aus, was sie brauchen. Umgangssprachlich bedeutet to dig aber auch «verstehen, mögen». Betroffene fühlen sich im Netz verstanden – und sie mögen es.

Ralph Widmer wiederum lud die jungen Teilnehmer zum interaktiven-Live-Digital Workshop mit dem Tool Poll Everywhere ein. Über eine APP konnten sie live und interaktiv Fragen zum Thema ADHS & Digitalisierung, Zukunft, Probleme, Herausforderungen und anderes mehr stellen. Live erlebten sie, wie die Digitalisierung informativ helfen kann, wie man Umfragen generiert oder Statistiken zeigt.

Immer wieder fragen Eltern an, ob sie ihr ADHS-betroffenes Kind mit einer gezielten Ernährung unterstützen können. Dieser Frage kamen die drei Ernährungsberaterinnen Iris Schrepfer, Gaby Stampfli und Susanne Friedli mit ihrem Workshop «Essen wirkt! Schlau durch das digitale Zeitalter» nach. Die Bedarfsorientierte Ernährung (BoE) offenbart, wie Essen auf den Körper wirkt und sogar unser Denken beeinflussen kann. Das Ziel der BoE ist es, körperliche Mängel mit einer natürlichen, alltagstauglichen Ernährung auszugleichen. Nachstehend einige Tipps, was bei ADHS wirksam sein kann.

  1. Tagesrhythmus umstellen
    Durch ein salziges Frühstück mit tierischem Eiweiss (ohne Zucker, Früchte, Müesli) und abends Gemüse und Getreide, verschwindet die Lust auf Süssigkeiten.
  2. Weglassen von Zucker in jeglicher Form
    und anderen rasch resorbierbaren Kohlenhydraten beugt Unterzuckerungen vor. Unterzuckerung hat viele Symptome mit ADHS gemeinsam: Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel, Leistungsabfall, innere Unruhe, Gereiztheit, Müdigkeit.
  3. Keine Früchte morgens
    Ein Kaliumüberschuss morgens durch kaliumreiche Früchte führt zu Salzmangel. Symptome: benommener Kopf bis zu Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Früchte nachmittags essen.
  4. Phosphate/Phosphor aus künstlichen Zusätzen meiden
    Natürlicher Phosphor im Lebensmittel selber aber wird benötigt für den Antrieb, den körpereigenen Eiweissaufbau und für die Wirksamkeit der Vitamine.
  5. Fertig- und Light-Produkte meiden
    E-Nummern, Geschmacksverstärker, Zuckerersatzstoffe, Farbstoffe, Konservierungsstoffe meiden. Sie irritieren den Körper, da sie falsche Signale aussenden. Ein jodiertes Salz ohne Rieselhilfe verwenden.
  6. Sich möglichst mit frischen, unverarbeiteten und saisonalen Lebensmitteln ernähren.

Damit erhält der Körper am meisten Energie.

  1. Vitalststoffmängel spielen in Zusammenhang mit ADHS eine wichtige Rolle.

Ein Mangel an Zink, Eisen, Vitamin D und Tryptophan führt laut einer Studie der Uni Aachen zu:

  • • Erhöhter Hyperaktivität
  • • Ängstlichkeits- und Verhaltensproblemen
  • • Konzentrationsmangel
  • • aggressivem Verhalten

Zink ist enthalten in weissen Bohnen, Rollgerste, Kürbiskernen, Rindfleisch

Tryptophan ist in Poulet und hellem Fleisch vorhanden. Aus Tryptophan werden unsere Wohlfühl- und Einschlafhormone gebildet (Serotonin & Melatonin).

Eisen und Vitamin D wird morgens am besten aufgenommen.

Wenn möglich vermeiden:  Tomaten, Äpfel, Orangen, rote Peperoni, zu viel rote Rüebli, diese blockieren die Zinkaufnahme.

Informationen zu dieser Ernährungsweise gibt es auf: www.boeverein.ch

Bei den anwesenden Fachpersonen fand der Qualitätszirkel mit Prof. Dr. med. Dominique Eich-Höchli, Co-Präsidentin der SFG ADHS grosse Aufmerksamkeit. Sie übernahm diesen Workshop spontan im Alleingang und unter ihrer kompetenten Leitung wurde über die aktuellen Herausforderungen in der Diagnostik und Therapie diskutiert sowie analysiert, ob und wie sich die Digitalisierung in der Arbeit mit Menschen mit ADHS auswirkt.

Christian Johannes Käser war der Shooting Star an der BeFa 2019! Der Schauspieler, Musiker, Moderator und Trainer begeisterte das Publikum mit seinem genialen Wortwitz und bemerkenswerten Improvisationstalent. So schaffte er es, Leichtigkeit in ein ernstes Thema zu bringen und «versüsste» der scheidenden Präsidentin des Regionalvereins Zürich Glarus Schaffhausen, Judith Landes, den Abschied mit einer berührenden, musikalischen Hommage an ihr jahrzehntelanges Wirken für die ADHS-Organisation und ihren enormen Einsatz für die Tagung.

Wir danken an dieser Stelle allen mitwirkenden Fachpersonen für ihre spannenden und interessanten Referate und Workshops, die sie ohne Honorar bestritten haben sowie allen freiwilligen Helferinnen und Helferin, die zum erfolgreichen Gelingen dieses wichtigen Anlasses beigetragen haben. Zurück bleibt allerdings die Ernüchterung, dass nur gerade 19 Mitglieder der SFG ADHS an der Tagung teilgenommen haben. Erfreulicherweise fanden doch 90 Mitglieder von elpos und 52 Nichtmitglieder der beiden ADHS-Organisationen den Weg nach Zürich. Eine Teilnehmerzahl, die leider nicht ausreicht, um die Kosten zu decken. Demgegenüber stehen allerdings rundum positive Feedbacks auf den aufwändigen Anlass, was die beiden Organisatorinnen der BeFa 2019 Felicitas Furrer, Geschäftsführerin der SFG ADHS und Judith Landes für den enormen Aufwand und vielen freiwillig geleisteten Arbeitsstunden entschädigt. Danke deshalb auch allen Teilnehmenden für ihre wertvolle Präsenz an der BeFa!

 

Warum ist mein Kind so langsam?

Stefanie Rietzler, Psychologin, Autorin von «Erfolgreich lernen mit ADHS»

 
Bist du immer noch nicht weiter?», «Mach jetzt vorwärts!», «Die Hausaufgaben dauern ja Stunden!» - wer mit Eltern ADHS-betroffener Kinder arbeitet, wird immer wieder auf das Thema «Arbeitstempo» angesprochen.Dabei machen Eltern oft die frustrierende Erfahrung, dass gerade Kinder vom vorwiegend unaufmerksamen Typus noch langsamer werden, je mehr man sie zur Eile antreibt.Doch warum sind einige Kinder langsamer als andere? Und lässt sich das Arbeitstempo steigern?Stefanie Rietzler zeigt im Video anhand des Konzeptes der Verarbeitungsgeschwindigkeit auf, dass dem Arbeitstempo genetische und entwicklungsbedingte Komponenten zugrunde liegen und es daher nichts nützt, Kinder ständig zu mehr Eile anzutreiben.Über Umwege lässt sich das Tempo jedoch in einzelnen Bereichen steigern, indem grundlegende Kompetenzen automatisiert werden, auf genügend Pausen geachtet wird und Abläufe wie die Morgenroutine klar strukturiert werden. Vielen Kindern hilft es auch, wenn für die Hausaufgaben und das Lernen ein maximales Zeitlimit vereinbart wird, nach dem – in Absprache mit der Lehrperson - das Lernen abgebrochen werden darf.
 
Hier geht es zum Film:
 
https://www.youtube.com/watch?v=2R9Y0sDY9ts&t=1s 

Veranstaltungshinweis

Mitgliedertagung der SFG ADHS mit Referaten zu den Themen:

  • ADHS - Wegbereiter für die Entwicklung von Essstörungen: med. pract. Katja Meier-Müller, Chefärztin Privatklinik Aadorf
  • ADHS Medikation und Nebenwirkungen: Prof. Dr. med. Thomas Müller, Chefarzt und ärztlicher Direktor Privatklinik Meiringen
  • Ort / Datum: Bahnhofbuffet Olten, Seminarraum, 19.März 2020, 14:00 - 17:30 Uhr
Weitere Informationen folgen auf: https://www.sfg-adhs.ch/veranstaltugen/eigene-veranstaltungen/31.html

ADHS Aktuell

 
Editorial
 
Im aktuellen Newsletter:
  • Befasst sich Dr. med. Markus Guzek mit der ADHS im Alter. Er zeigt unter anderem auf, weshalb bei der Therapie betagter ADHS-Patienten der Schwerpunkt auf sozial-psychiatrischen Massnahmen liegen sollte und dass insbesondere auf die soziale Einbindung der Betroffenen geachtet werden sollte.
  • Dr. med. Eveline Breidenstein weist in ihrem Beitrag auf die Bedürfnisse von ADHS-betroffenen Kindern beim Übertritt in die Sekundarschule hin. Sie betont, dass die Eltern beim Übertritt eine aktive Rolle übernehmen müssen, wenn sie von der Schule erwarten, dass diese auf besondere Bedürfnisse des Kindes eingeht, da Informationen nicht automatisch von der Primarstufe weitergeleitet werden. In einem gesonderten Beitrag, der als Download zur Verfügung steht, finden Lehrpersonen Informationen und Ideen für den Umgang mit ADHS-betroffenen Schüler/innen.
  • Ursula Ammann, Leiterin icp ADHS-Coaching stellt in ihrer Serie ANALOG weitere Coachingmethoden vor. Im aktuellen Beitrag gibt sie Anregungen, wie ADHS-Betroffene durch Visualisierung ihre Prioritätensetzung verbessern können.
Herzliche Grüsse,
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
 
 

ADHS im Alter

Dr. med. Markus Guzek, Regionalspital Emmental AG, Psychiatrieleitung, Leitender Arzt Alterspsychiatrie
 
Einleitung
 
Eine achtzigjährige Patientin berichtete uns kürzlich, wie betroffen es sie mache, erst nun nach Jahrzehnten zu verstehen, wieso sich ihr Leben so und nicht anders entwickelt habe. Zu der Diagnose ADHS kam sie, nachdem die Störung bei ihrer Enkeltochter erfolgreich behandelt wurde. Auch wenn die Erklärung der Entwicklung eines langen Lebens nur über die ADHS sicher zu kurz greift, so ist diese Geschichte recht typisch. Die ADHS ist auch im Alter einer Tatsache.
 
Häufigkeit
 
Das Fehlen verlässlicher Daten beginnt bereits bei der Altersgrenze. Die wenigen Studien setzten diese bei 55, so dass von einer eigentlichen Alterspopulation nicht gesprochen werden kann. Die Angaben zur Prävalenz schwanken, sie wird zwischen 2.8 und 4.2 % angegeben (1). Die relativ hohe Streubreite dürfte methodische Ursachen haben. Smith und Rush wiesen bereits 2006 darauf hin, dass die Diagnose im Alter möglicherweise zu selten gestellt wird, weil Symptome der ADHS mit der altersbedingten Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit verwechselt werden könnten (2). Diskutiert werden auch altersspezifische Gründe, nämlich überproportionale Sterblichkeit der ADHS Betroffenen in Folge eines risikoreichen Lebensstils (3), und als Folge der erhöhten Prävalenz von Komorbiditäten (4).
 
ADHS Symptome und andere kognitive Störungen im Alter
 
Die Diagnostik der ADHS im Alter unterscheidet sich nicht wesentlich vom Vorgehen bei jüngeren Erwachsenen. Guldberg und Johansson publizierten 2013 anhand ihrer klinisch und mit Fragebögen erhobenen Befunde die Persistenz der ADHS Kernsymptome (5). Während aber die persistierenden kognitiven Defizite der ADHS im Erwachsenenalter in den meisten Fällen zur Kenntnis genommen werden können, erfordert ihre erstmalige Feststellung im höheren Alter eine eingehende differenzialdiagnostische Abklärung Die Hauptprämisse lautet, keine beginnende Demenz zu übersehen. Ältere Patienten, die über Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme und Alltagsvergesslichkeit berichten sollten daher in einer Memory Clinic mit Kompetenzen im ADHS Bereich abgeklärt werden. In einer in den USA durchgeführten Umfrage wurde berichtet, dass in ca. 60% der Memory Kliniken auch ADHS Fälle festgestellt werden. Zahlen für die Schweiz gibt es nicht. Die wichtigste Diffenrentialdiagnose ist die Leichte kognitive Störung (MCI), sowohl als unklares, eigenständiges Krankheitsbild, als auch als Frühphase einer demenziellen Erkrankung.  Dabei muss der untergeordneten biografischen Bedeutung der ADHS gegenüber einer Demenz Rechnung getragen werden. Der Verdacht einer ADHS im Alter ist nur dann relevant, wenn eine dementiellen Entwicklung ausgeschlossen wurde. Auch bei eindeutiger ADHS in der Lebensgeschichte, muss bei einer Neuabklärung im Alter berücksichtigt werden, dass eine ADHS nicht vor einer Demenz schützt. Eine besonders sorgfältige Abgrenzung ist gegenüber den frontotemporalen Demenzen nötig, die in der Anfangsphase eine ähnliche Symptomatik wie die ADHS zeigen können (6). Weiterhin unklar ist der Zusammenhang zwischen der ADHS und dem Risiko demenzieller Erkrankungen. Kontrovers diskutiert werden Zusammenhänge zwischen ADHS und Parkinson, aber auch der Behandlung mit Methylphenidat und späteren Parkinson sowie der Zusammenhang zwischen der ADHS und der Lewy Body Demenz (7).
 
ADHS und psychische Störungen im Alter
 
Spezifische Studien zum Zusammenhang zwischen der ADHS und affektiven Störungen bei Alterspatienten liegen nicht vor. Aus der eigenen klinischen Erfahrung lässt sich ein solcher Zusammenhang nicht wegdenken. Die meisten ADHS Erstdiagnosen bei Alterspatienten erfolgen im Rahmen der Abklärung «therapieresistenter Depressionen». Nicht selten muss dabei festgestellt werden, dass während Jahren eine bipolar II Störung diagnostiziert war und zumeist erfolglos mit Lithium behandelt wurde. Die zweite wichtige Komorbidität ist die Early-onset Abhängigkeit, vor allem von Alkohol. Im Alter geht sie mit Folgestörungen einher, so dass sorgfältig zwischen allfälligen emotionalen und kognitiven Auswirkungen der ADHS einerseits und den oft sehr ähnlichen Folgen chronischen Äthylismus unterschieden werden sollte.
 
Lebenssituation alterspsychiatrischer ADHS Patienten
 
Das grösste Problem ist die Einsamkeit. Was ohnehin für viele ältere Menschen zutrifft, ist bei alt gewordenen ADHS Patienten das Problem schlechthin. In einer Studie hierzu zeigte sich, dass die meisten alten ADHS Patienten beruflich gut integriert waren, jedoch sehr oft gar nicht verheiratet oder geschieden  (8).  Dieses Hauptproblem macht ein möglichst dichtes sozialpsychiatrisches Setting notwendig.
 
Therapie
 
Einmal mehr – Studien fehlen. Aus der eigenen klinischen Erfahrung kann berichtet werden, dass die erwähnte soziale Desintegration stärker im Fokus stehen muss als die selten relevanten Aufmerksamkeitsstörungen. Die meisten sozial relevanten, therapiebedürftigen Schwierigkeiten resultieren nicht zuletzt aus der chronifizierten jahrzehntelangen Überimpulsivität mit entsprechend negativer sozialer Performance und den häufigen Komorbiditäten aus dem F6 Kapitel. Deren Behandlung ist entscheidend.  Der Einsatz von Methylphenidat ist Ermessensfrage und vor allem off lable. Es gibt kein zugelassenes Präparat. Kontrollierte Studien fehlen. Aus eigener Erfahrung zeigen sich gute Auswirkungen insbesondere für die Emotionsregulation und die Antriebsregulierung. Ein Therapieversuch ist deswegen unter Beachtung der Nebenwirkungen im Alter, insbesondere der Auswirkungen für das Herz-Kreislaufsystem, in vielen Einzelfällen sinnvoll und sollte mit Patienten besprochen werden.
 
Zusammenfassung
 
Nachdem in den letzten 20 Jahren die Persistenz der ADHS ins Erwachsenenalter hinein eine inzwischen etablierte klinische Bedeutung bekam, muss der Persistenz der Störung bis ins hohe Lebensalter eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteilwerden. Leider existieren hierzu nur wenige kontrollierte Studien. Die kognitiven Symptome der ADHS müssen, werden sie im Alter erstmalig berichtet, differenzialdiagnostisch vor allem gegenüber dementiellen Entwicklungen abgegrenzt werden, so dass die erste Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter durch eine Memory Clinic durchgeführt werden sollte. Darüber hinaus stehen im Alter vor allem affektive Folgestörungen der ADHS sowie Suchtprobleme im Fokus der klinischen Bedeutung. Eine Off-Label-Behandlung mit Methylphenidat kann in begründeten Fällen unter Wahrung der Sicherheit sinnvoll sein. Der Therapie Schwerpunkt liegt jedoch in sozial psychiatrischen Massnahmen, insbesondere der Förderung der sozialen Einbindung.
 
1. Michielsen, M., Semeijn, E., Comijs, H. C., van de Ven, P., Beekman, A. T. F., Deeg, D. J. H., & Kooij, J. J. S. Prevalence of attention-deficite hyperactivity disorder in older adults in The Netherlands. The British Journal of Psychiatry. 201 2012, S. 298-305.
2. Smith, G., & Rush, B. Normal aging and mild cognitive impairment. Geriatric neuropsychology. 2006, S. 27-55.
3. Barkley, R. Driving impairments in teens and adults with attention-deficite/hyperactivity disorder. Psychiatric Clinics of North America. 2004, S. 233-260.
4. Roth, R., & Saykin, A. Executive dysfunction in attentiondeficit/hyperactivity disorder: Cognitive and neuroimaging findings. Psychiatric Clinics of Noth America. 2004, S. 83-96.
5. Guldberg-Kjär. T., Johansson B. ADHS Symptoms Across the Lifespan; A Comparison of Symptoms Captured by the Wender and Barkley Scales and DSM-IV Criteria in a Population-Based Swedish Sample Aged 65 - 80. Journal of Attention Disorders . 11. March 2014.
6. Pose M., Cetkovic M., Gleichgerrcht E., Ibanez A., Torralva T., Manes F. The Overlap of symptomatic dimensions between frontotemporal dementia and deveral psychiatrisc disorders that appear in late adulthood. Int Rev Psychiatry. Apr 2013, S. 159-67.
7. Golimstok A., Rojas Jl., Romano M., Zurru MC., Doctorovich D., Cristiano E. Previous adult attention-defocite and hyperactivity disorder symptomas and risk of dementia with Lewy bodies: a case-control study. Eur J Neurol. Jan 2011, S. 78-84.
8. Michielsen M., Comijs HC., Aartsen MJ., Semeijn EJ., Beekmann AT., Deeg DJ., Kooij JJ. The relationships between ADHS and sozial functioning and participation in older adults in a population-based study. J Attend Disord. 2015, Bd. 19, 5, S. 368 -79.
9. Henry. E., & Jones. S.H. Experiences of Older Adult Women Diagnosed with Attention DEficite Hyperactivity Disorder. Journal of Woman & Aging . 2011, S. 246-262.
 

Kinder mit ADHS in der Sekundarstufe 1

 
Der folgende Beitrag legt den Fokus auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern mit ADHS in der Se­kun­darschule. Er basiert auf den eigenen Erfahrungen von Frau Dr. Eveline Breidenstein und ist auf die Verhältnisse im Kanton Zürich, Bezirk Affoltern, zugeschnitten, beinhaltet aber Empfehlungen, die auch ausserhalb des Kantons Zürich wertvoll sein können.
 
Wichtige Erkenntnisse:
 
  • Übertritt Mittelstufe - Oberstufe (Sekundarstufe I): Die Informationen über die speziellen Bedürf­nisse eines Kindes [ISR-Status (Integrierte Sonderschulung in der Verantwortung der Regelschule), Nachteilsausgleich] werden oft nicht automatisch von der Primarschule an die Oberstufe weiter­ge­leitet. Es ist Aufgabe der Eltern, die Lehrpersonen und die Schulleitung zu informieren. Den Eltern ist deshalb zu empfehlen, bereits vor den Sommerferien mit der betroffenen Schulleitung Kontakt aufzunehmen, um die geeigneten Adressaten der Information (Heilpädago­gen, Klassen­lehrperson, Schulleitung, Schulpsychologischer Dienst) zu erfahren.
 
  • Neuabklärungen: Die Eltern müssen die Schule über die Diagnose informieren, wenn sie beson­dere Rücksichtnahmen der Schule erwarten.
 
  • Generell gilt: Falls zusätzliche Massnahmen erforderlich sind (heilpädagogische Unterstützung oder Nachteilsaus­gleich), braucht die Schule eine ärztlich bestätigte, schriftliche Diagnose. Es lohnt sich - insbesondere auf der Sekun­dar­stufe I - , als Fachperson mit den zuständigen Heil­pädagoginnen und -pädagogen Kontakt aufzunehmen, um sich über Fördermassnahmen und Abklärung von allfälligen Lerndefiziten auszu­tauschen. Damit können unerfüllbare «Leistungser­wartung der Eltern», aber auch das Verpassen von unentdeckten Fördermöglichkeiten vermieden werden.
 
  • : Im Kanton Zürich haben die Heilpädagoginnen und -pädagogen in der Sekundarstufe I A keinen «generellen Auftrag» und bemerken allfällige Defizite der Kinder auch nicht ohne Weite­res. Die Eltern müssen den Unterstützungsbedarf daher aktiv anmelden (s.o.). In der Sekundar­stufe I B und C sind die Heilpädagoginnen und -pädagogen viel näher dran, können selbst auch Defizite wahrnehmen und Unterstützungen indizieren. Je nach Motivation der Schule finden anfangs der ersten Sek B oder C auch Sprach- und Matheeinstufungstests statt, um den Kindern dann angepasste Fördermassnahmen zukommen zu lassen. Das ist aber nicht obligatorisch. Von der Primarschule mitgebrachte Lernlücken werden andernfalls leider erst im Laufe des ersten Sekundarschuljahrs erkannt!
 
Den Text von Dr. med. Eveline Breidenstein mit Informationen und Ideen für den Umgang mit ADHS-Kindern, der sich an Pädagoginnen und Pädagogen richtet, finden Sie  pdf hier (216 KB) .
 
 

ADHS Analog: Prioritäten sichtbar machen

Ursula Ammann, MAS Supervision und Coaching ZHAW, Studienleiterin icp ADHS Coaching
 
In einer regelmässigen Serie schreibt Ursula Ammann über analoge Methoden, die sich im Therapie und Coaching-Bereich bewährt haben:
Prioritäten zu setzen fällt nicht nur ADHS Betroffenen schwer, diesen aber besonders. Meiner Erfahrung nach, spricht alles, was buchstäblich „SICHTBAR“ daherkommt, sehr an und wird motivierter angegangen. So arbeite ich auch hier mit unterschiedlichen Tools.
Zum einen mit dem Prio-Baum:
 
Mit mittelgrossen Post-it Zetteln werden zunächst alle offenen Aufgaben, die einem gerade in den Sinn kommen, aufgeschrieben (Es entspannt Klienten, wenn sie sehen, dass auch später noch offene Punkte hinzugefügt werden können!). Danach werden diese nach Dringlichkeit aufgeklebt in das entsprechende „Abteil“ des Baumes. Der Baum hat sich als am Einfachsten in der Umsetzung erwiesen. Viele Klienten haben aber auch sehr kreative, eigene Ideen und setzen diese um. So hat beispielsweise ein Klient einen Prioritäten-Flieger gebaut – die praktische Anwendung war dort aber etwas schwierig ;-)
Als Einteilung hat sich folgendes Raster bewährt
A = heute (oder innert 3 Tagen)
B =diese Woche
C = Diesen Monat
D = nicht vergessen
Wichtig ist, dass die erledigten Zettel abgenommen werden und genussvoll entsorgt werden und dass neue Zettel in einer anderen Farbe aufgeklebt werden. Unser Hirn macht sehr schnell einen „printscreen“ und speichert Bekanntes als nicht mehr interessant ab. Mit neuen Farben bleibt der Baum «frisch». Im gleichen Prinzip funktioniert eine Aufgabenliste wie diese hier:
 
Sie wurde mit einem Klient erstellt, der unter Zeitdruck stand und ziemlich viele Unterlagen in diversesten Mäppchen oder lose dabei hatten. Wir sortierten die Unterlagen und unterhielten uns darüber, was denn gerade besonders drängend sei. Oftmals sind ADHS-Betroffene nicht mehr in der Lage, zu unterscheiden, was wichtig ist, weil eben soooo vieles offen ist. Auch wenn der Wunsch nach einer aufgeräumten Wohnung und geordneten Unterlagen übermächtig ist und sicher auch sehr sinnvoll, müsste in diesem Fall doch zunächst das Stipendiengesuch eingereicht werden, da er sonst schlicht das Studium nicht beginnen kann....
Man kann solche Aufgabenlisten auch mit vielen anderen Methoden darstellen. Lustig für Kinder sind dabei z.B. Duplo-Bauklötzchen, die man zunächst in einer Reihe auf eine Bauplatte setzt und mit einem abwischbaren Folienschreiber beschriftet. zB. Mathe, Franz, etc. Dann werden die grossen Aufgaben in der Folge dahinter mit weiteren Duplosteinen in Unterschritte aufgeteilt. Macht Spass, erinnert gut und hilft tatsächlich.
Viel Spass beim Ausprobieren!

 

Hinweise auf Veranstaltungen

Felicitas Furrer
  • Donnerstag, 21. März 2019:14.00 – ca. 17.30 Uhr: Mitgliederversammlung der SFG ADHS, mit Referaten zum Thema «ADHS und Autismus», Bahnhofbuffet Olten
  • Samstag, 22. Juni 2019, 08.15 – ca. 15.45 Uhr:6. Nationale ADHS Tagung für Betroffene und Fachpersonen, Universität Zürich, Rämistrasse 71, Zürich
  • Tagungsthema: ADHS - (K)ein Thema mehr? . Weitere Informationen folgen auf oder
  • Freitag 13.- Sonntag 15. September 2019: 1. Internationaler deutschsprachiger ADHS-Kongress über Landes-, Alters- und Berufsgrenzen hinaus. Weitere Informationen folgen auf www.sfg-adhs.ch

ADHS Aktuell

 
Editorial
 

Der aktuelle Newsletter legt den Schwerpunkt auf das Thema ADHS und ASS:

  • Isolde Schaffter-Wieland berichtet von der Mitgliedertagung 2019 unter dem Titel «ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen». Sie gibt einen Einblick in die Referate von Dr. med. Ronnie Gundelfinger und Dr. med. Peter Eisler, die zeigen: Fachpersonen, die mit ADHS-Betroffenen arbeiten, sollten sich auch mit ASS auskennen. So zeigen gemäss einer schwedischen Studie 50-75% der Kinder mit einer ASS-Diagnose eine klinisch relevante ADHS, während 7-15% der ADHS-betroffenen Kinder gravierende autistische Symptome aufweisen.
  • Dr. med. Peter Eisler beschreibt in seinem Artikel «Erfahrungsbericht eines Schweizer ASS-Pioniers» eindrücklich, wie fordernd und oft überfordernd der Alltag für ASS-Betroffene sein kann. Im Artikel wird deutlich, dass ASS-Betroffene und «Neurotypische» in unterschiedlichen «Kulturen» leben.
  • Ursula Ammann betont, wie wichtig die Psychoedukation bei ADHS ist und dass sie mit Besorgnis feststellt, dass ihre Klienten oft lediglich oberflächlich über ihre Symptomatik aufgeklärt wurden. Sie ihrer Kolumne stellt sie kreative Wege der Psychoedukation vor.
  • Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund gehen in ihrem Artikel der Frage nach, ob regelmässige Achtsamkeitspraxis für ADHS-Betroffene hilfreich sein könnte.

Herzliche Grüsse,

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

 
 

Mitglieder-Tagung 2019: ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen

Isolde Schaffter-Wieland, VS-Mitglied SFG ADHS
 

Das Tagungsmotto ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen interessierte offenbar eine grosse Mitgliederzahl: So fanden sich knapp 70 Fachpersonen im Bahnhofbuffet Olten zusammen. Ein echter Erfolg! SFG ADHS Co-Präsident Dr. Thomas Müller begrüsste die Anwesenden zum spannenden Anlass und wies darauf hin, dass Asperger in der Gesellschaft eher etabliert sei, als eine ADHS-Diagnose.

Das Eröffnungsreferat hielt Dr. med. Ronnie Gundelfinger, Leitender Arzt der Fachstelle Autismus in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychiatrie (KJPP) Zürich. Der frühkindliche Autismus wurde zuerst vom Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner (1894-1981) beschrieben. Der in die USA ausgewanderte Österreicher diagnostizierte 1943 bei elf Kindern eine „autistische Störung des affektiven Kontakts“, die später unter dem Namen „frühkindlicher Autismus“ bekannt wurde.

Für den Kanner-Autismus galten folgende Merkmale:

  • Unfähigkeit, soziale Beziehungen einzugehen
  • Unfähigkeit, Sprache zur Kommunikation einzusetzen
  • Zwanghafter Wunsch, Gleichheit zu bewahren
  • Faszination für Objekte
  • Auftreten der Symptome vor dem Alter von 2 1⁄2 Jahren

Wie Kanner war der Pädiater Hans Asperger (1906-1980) gebürtiger Österreicher und definierte 1944 die Störung als „autistische Psychopathie“. Die beiden veröffentlichten fast zeitgleich ihre Publikationen zum frühkindlichen Autismus, die zudem grosse Ähnlichkeiten aufwiesen.

Aspergers Veröffentlichung enthielt die Beschreibung von vier Jungen, denen eine durchschnittliche bis hohe Intelligenz gemeinsam war, sowie:

Asperger nannte die Jungen „kleine Professoren“, da sie über das Gebiet ihres Spezialinteresses detailliert sprechen konnten und oft ein erstaunliches Wissen ansammelten. „Die Natur dieser Kinder offenbart sich am deutlichsten in ihrem Verhalten anderen Menschen gegenüber. In der Tat, ihr Verhalten in einer Gruppe ist das klarste Zeichen für ihre Behinderung und die Ursache für Konflikte von frühester Kindheit an.“

Im Alltag sind diese Kinder gemäss Ronnie Gundelfinger mit folgenden Problemen konfrontiert:

  • Sie finden keinen Anschluss, werden ausgegrenzt und geplagt
  • Sie halten sich nicht an Regeln und Konventionen
  • Sie machen verletzende Bemerkungen
  • Sie wollen fast ausschliesslich über ihr Lieblingsthema reden
  • Sie wenden extrem viel Zeit für ihre Hobbys auf
  • Sie hängen sehr an festen Abläufen und haben Mühe mit Unvorgesehenem
  • Sie haben Mühe mit Nähe und Distanz
  • Sie sind oft motorisch ungeschickt
  • Sie zeigen oft sensorische Überempfindlichkeiten (Essen, Gerüche, Lärm, Kleider)

Grundgefühle eines ASS-Betroffenen im Alltag sind Stress und Angst. Die beiden Hauptfaktoren werden beeinflusst und ausgelöst durch:

  • Reizüberflutung,
  • unbefriedigte Erwartungen
  • unerwartete Veränderungen
  • Mangel an Verständnis für soziale Situationen
  • berufliche / soziale Herausforderungen

Knaben, respektive Männer, sind prozentual häufiger von einer ASS betroffen als Mädchen und Frauen:

  • Die Symptomatik ist bei ihnen subtiler und im Vergleich zu derjenigen bei Jungen oft weniger ausgeprägt.
  • Mädchen verfügen über mehr soziales Interesse und mehr soziale Kompetenzen.
  • Mädchen reagieren eher passiv und mit Rückzug, was dem gesellschaftlichen Rollenbild (still, schüchtern) entspricht.
  • Mädchen fallen weniger auf und verhalten sich weniger störend. Die AS- Verhaltensweisen werden rollentypisch interpretiert (mangelnder Blickkontakt = schüchtern)
  • Mädchen tarnen ihre Schwierigkeiten besser. Sie nutzen ihre (gute) Intelligenz, um ihre sozialen Schwierigkeiten zu verstecken.

Gemäss einer schwedischen Studie haben:

  • 50 -75 % der Kinder mit Asperger-Syndrom eine klinisch relevante ADHS.
  • 7 – 15 % der Kinder mit ADHS gravierende autistische Symptome.

Wie bei einer ADHS gibt es auch bei einem Asperger auffallende Stärken:

  • Die Beziehung zu Mitmenschen ist geprägt von absoluter Zuverlässigkeit und Loyalität
  • Frei von sexistischem oder anderem vorurteilsbehaftetem Denken
  • Ehrliche Kommunikation ohne Hintergedanken oder Doppeldeutigkeiten
  • Originelle Art der Problemlösung
  • Aussergewöhnliches Gedächtnis für Details
  • Enzyklopädisches Wissen über Spezialgebiete

Interessierte Leser können sich im Mitgliederbereich das sehr aufschlussreiche Fachreferat von Dr. Gundelfinger als Handout herunterladen, indem auch die Diagnostik ausführlich zur Sprache kommt.

Dr. Peter Eisler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Zürich holte das Publikum auf eine sehr persönliche und zuweilen humorvoll-provokative Art und Weise ab. Er schickte es gleich vorab, dass er lieber von einer «Struktur» spreche als von einer Störung. Er habe zuerst ADHS-betroffene Menschen kennengelernt und sich in der Folge zunehmend für die ASS-Thematik interessiert. Er zitierte die deutsche Journalistin und Autorin Denise Linke, bei der 2011 Autismus und 2014 ADHS diagnostiziert wurde: «Autismus ist keine Krankheit – es ist eine Art zu sein.»  Der Referent erklärte zu Beginn seiner Ausführungen und Fallbeispiele: «Ich musste eine Fremdsprache lernen, um meine Patienten verstehen zu können.» Auf nachvollziehbare Weise schilderte er, dass ASS-Betroffene den Blickkontakt meiden würden, weil dies für sie Angst auslösend sei, da sie soziale Gesichtsausdrücke nicht erlernen.

Im Kontakt mit anderen Menschen müsse für sie alles logisch sein: faktisch, mit klaren Regeln und bis ins Detail erklärt. Kurz zusammengefasst bedeute dies:

  • Details bedenken, erforschen, Fakten
  • Kommunikation ist schwierig
  • Ein Satz muss analysiert werden
  • Wenig Kontextsicht
  • Muster sind Orientierung
  • Veränderungen müssen vorhersehbar sein
  • Was soll „small talk“?
  • Wie machen es die Neurotypischen?
  • Was man sagt, meint man
  • Alles muss gelernt werden

«Für ASSler ist der Alltag ein Chrampf», betont Peter Eisler. Und so gibt der Facharzt mit den Worten von Albert Camus zu bedenken: «Niemand realisiert, dass einige Menschen unglaublich viel Energie aufwenden, um normal zu sein.» Auch von diesem Referat können Sie ein Handout herunterladen.

Nach der Fragerunde gab es einen regen Austausch unter den Teilnehmenden bei einem reichhaltigen Apéro. Erfreulich war, dass immerhin 26 Personen der Mitgliederversammlung beiwohnten, die auch von 7 Vorstandsmitgliedern begleitet wurde. Angenommen wurde unter anderem auch die neue Kategorie «Senioren-Mitgliedschaft»: Mitglieder, die das Pensionsalter erreicht haben, können den Status der Seniorenmitgliedschaft wählen und bezahlen dann als Jahresbeitrag noch CHF 100.- statt CHF 200.- Die Mitgliederzahlen sind aktuell stabil (179 Einzelmitglieder/9 Kollektivmitgliedschaften/9 Klinikmitgliedschaften/4 Passiv-Mitglieder und 2 Ehrenmitglieder). Besonders freut sich die SFG ADHS über die Zunahme der Klinik-Mitgliedschaften. Dankbar sind wir auch für Anregungen aus der Runde. So besteht der Wunsch, in den kommenden Newslettern Themen wie «ADHS und Job», «ADHS im Alter» oder «Berufliche Eingliederung von Jugendlichen mit ADHS» aufzunehmen. Der Vorstand hält fest, dass die SFG ADHS politisch aktiv sein wolle, auch in Bezug auf die Krankenkassen (Kostenübernahme der Stimulanzien-Behandlung). Dabei ist es auch ein Ziel, die Mitglieder zu entlasten, die oft mit zusätzlichen administrativen Herausforderungen konfrontiert werden, um ihre Patienten zu unterstützen.

Wir danken an dieser Stelle allen, die an der Tagung und Mitgliederversammlung teilgenommen haben – neue Mitglieder sind übrigens jederzeit herzlich willkommen.


Erfahrungsbericht eines Schweizer Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) Pioniers:
Menschen mit ASS – Menschen mit ADHS im Erwachsenenalter

Dr. med. Peter Eisler, Zürich

Ich möchte von meinen Erfahrungen und meinem Lernprozess in der Arbeit mit Menschen mit einer Autismus Spektrum Struktur berichten, von denen einige auch eine ADHS zeigten. Welche Gemeinsamkeiten haben Menschen mit ASS und Menschen mit einer „reinen“ ADHS und welches sind die Unterschiede?

Ich spreche lieber von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Struktur und auch Menschen mit einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Struktur. Denn heute ist klar, dass sich die Gehirne dieser Menschen von den Gehirnen der “Normalen“ (Neurotypischen) unterscheiden.

 

Fremde Kulturen

Menschen mit ASS und neurotypische Menschen haben unterschiedliche Kulturen. Nach meinem Verständnis sind die Werte die Grundlage der menschlichen Kultur. Auf diesen bauen dann Normen auf. Im Alltag äussern sich diese in unserem Verhalten, unserem Verständnis und unserem Umgang mit der Wirklichkeit.

Für Menschen mit einer ASS sind Fakten und Logik wichtige Werte zur Orientierung in dieser Welt. Und für uns sogenannt „Normale“? Im Internet habe ich eine Liste von 346 Werten gefunden. Die wenigsten davon sind logisch und/oder faktisch. Viele haben mit unseren Emotionen zu tun. Zusammengefasst kann man sagen: Menschen mit einer ASS sind logik- und faktenorientiert, die Neurotypischen kontextorientiert.

Werte sind wie eine Sprache. Wenn andere Menschen andere Werte haben, sprechen sie eine andere Sprache und die Kommunikation wird schwierig. Es kann zu Missverständnissen, Vorurteilen oder gar Vorverurteilungen kommen.

Über Menschen mit einer ASS gibt es eine Menge Mythen und Vorurteile wie:

  • Alle Autisten sind geistig behindert
  • Autisten sind gut im Kopfrechnen
  • Autisten reden komisch
  • Autisten bewegen sich komisch
  • Autisten sind am liebsten allein
  • Autisten haben keine Gefühle
  • Autisten schauen einen nicht an
  • Autisten fallen auf den ersten Blick auf
  • Autisten sind alle wie „Rainman“
  • Autisten haben besondere Fähigkeiten (Savants)
  • Autismus ist heilbar

Die Vorurteile bezüglich Menschen mit einer ADHS sind Ihnen sicher bestens bekannt.

Versetzen Sie sich in Gedanken auf eine Reise in eine fremde Kultur, ohne Fremdenführer, ohne Übersetzer. Vielleicht verstehen Sie sogar die Sprache, aber deren kulturelle Bedeutung nicht. Anstrengend! So ging es mir anfangs auch. Ich musste viel lernen. Ich musste also eine „Fremdsprache“ lernen, um diese Menschen zu erfassen und für sie therapeutisch hilfreich sein zu können.

Es gibt keinen typischen ASS-Menschen. Sie sind unterschiedlich! Jeder ist ein Individuum. In meiner Arbeit mit Erwachsenen traf ich wenige, die schon als Kinder diese Diagnose bekommen haben. Die Anmeldungen erfolgten meist über KollegInnen zur diagnostischen Klärung, oder weil jemand darüber gelesen hatte und sich fragte: „bin ich eventuell so?“ Oder: „Bei meinem Kind wurde die Diagnose eines Asperger Syndroms gestellt, habe ich das auch?“ Oder: „Meine Frau hat mich geschickt, sie meint....“, usw.

 

Sozialverhalten

Menschen mit einem ADHS beherrschen die „normalen“ sozialen Regeln grundsätzlich. Dass sie dennoch manchmal anecken, hat mit ihrer Impulsivität und den Aufmerksamkeitsproblemen zu tun.

Menschen mit einer ASS verstehen die sozialen Regeln nicht. Und so treten sie oft in „Fettnäpfchen“ mit ihren direkten, faktischen Äusserungen. „Sie sind dick“. Sie stinken“. Und so ist man im Kontakt mit ihnen oft irritiert.

Während Säuglinge mit einer ADHS die Mutter (Betreuer) geradezu anstrahlen, schauen Säuglinge mit einer ASS diesen schon bald nicht mehr in die Augen. Forschungen haben ergeben, dass bei ihnen die Amygdala beim Anblick von Augen „grösste Gefahr!“ funkt. Deshalb schauen sie auf andere Dinge wie Knöpfe, etwas das glänzt oder sich bewegt. Und so lernen sie weder Mimik, noch die verschiedenen sozialen Gesichtsausdrücke, die Grundlagen des sozialen Umgangs. Auch zärtliche Berührung ist ihnen zuwider. Und doch, viele Erwachsene mit einer ASS schauen einem in die Augen. Zumindest bekommt man den Eindruck. Wenn man aber nachfragt ist die Antwort oft: „Ich schaue auf etwas über ihren Augen, auf die Stirn oder tiefer, auf die Nase, den Mund“.

Sie selbst zeigen kaum Mimik oder eine aufgesetzt wirkende, starre Mimik. Es kann sein, dass sie einen anschauen, wenn jemand spricht, nicht aber, wenn sie selber sprechen. Oft müssen sie einem alles bis ins Detail berichten, aus der Überzeugung heraus, dass das Gegenüber alles wissen muss, um sie zu verstehen. Sie merken gar nicht, dass wir eventuell gelangweilt sind und schon längst begriffen haben. Denn sie selber müssen alle Fakten kennen, um sich zu orientieren.

Auch das konnte ich mir mit einem zusätzlichen Forschungsergebnis verständlicher machen. Gehirne von Menschen mit einer ASS sind grösser als die der „Normalen“. Nun ist es aber so, dass einzelne Gebiete viele Zellen haben und lokal eng verbunden sind. Zu den anderen Gehirnregionen bestehen aber wenig Verbindungen. Ganz im Gegensatz zum *normalen“ Gehirn. Dazu passen auch die Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die Dichte der Spiegelneuronen bei diesen Menschen viel geringer ist als bei „normalen“ Menschen. Diese Untersuchungsergebnisse passen zum Modell der theory of mind. Der Fähigkeit, die sozialen Perspektiven anderer Menschen zu übernehmen, deren Handeln zu antizipieren und mitzuschwingen. Dies beinhaltet auch die Fähigkeit, übers Zuschauen zu lernen. Sie können demzufolge die Welt nur von sich aus sehen, also auch nicht über Nachahmung lernen. Das bezeichnet man als Egozentrismus.

Somit liegt die Stärke dieser Menschen beim Erkennen von Details, den Fakten, dem genauen, logischen Verstehen. Small talk was soll das? Gefühlssteuerung, was ist das? Veränderungen müssen vorbereitet, faktisch sinnvoll und gut durchdacht sein. Sonst sind sie der pure Stress. Was man sagt, gilt! Also, wenn ich dir einmal gesagt habe „Ich liebe dich!“ dann muss ich das doch nicht dauernd wiederholen! Wenn etwas nicht erklärbar oder unvorhergesehen ist, dann ist es eine unverständliche, überfordernde Situation. Dinge müssen Regeln haben: „Ich könnte nicht Metzger werden, denn ich kenne die Regeln nicht!“ „ Ich kann auch eine Schnupperstelle nicht besuchen, denn ich weiss die Regeln nicht, wie man das macht!“ Als „Normaler“ neigt man rasch dazu, dies als faule Ausrede abzutun. Das sind aber keine faulen Ausreden, denn Menschen mit einer ASS können in solchen Situationen überfordert sein. Die normalen menschlichen Reaktionen sind nicht logisch, sie sind verwirrlich. Wie kann ich mich orientieren? Und da nicht alle zwischenmenschlichen Situationen gleich sind, muss jede einzelne neu erlernt werden. So fragte mich ein Patient einmal in der ersten Stunde, wohin genau er sich setzen sollte, was genau er mir erzählen solle und was nicht. Er brauche diese Angaben, sonst könne er sich nicht orientieren, er sei nämlich das erste Mal bei einem Psychiater und er wolle es gut machen. Ein anderer erklärte, er habe die Regeln und Abläufe vieler Frauen beim Sex genau studiert und sei nun ein super Liebhaber. Offene Fragen wie: „Wie ist es Ihnen am letzten Wochenende gegangen?“ können nicht beantwortet werden. Wann? Wo? Mit wem? Gegangen? Ich bin meist gelegen!

Es ist aber nicht so, dass Menschen mit einer ASS selber keine Gefühle hätten. Sie können auch lieben und möchten auch geliebt werden. Nur drücken sie das anders aus. Hier möchte ich auf das Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“ von Peter Schmidt hinweisen.

Das Modell theory of mind erklärt für mich auch zum Teil die ausgeprägte Detailsicht von Menschen mit einer ASS. Verstärkend kommt noch die Schwierigkeit der zentralen Kohärenz hinzu, also der Fähigkeit zur Verallgemeinerung und Konzeptbildung. Das kann aber auch eine Stärke sein. So können Menschen mit einer ASS rasch Fehler in einer Programmierung oder in einem Text erkennen, quasi auf einen Blick: Etwas im Muster ist nicht korrekt.

Sie können aber in einer Situation Erlerntes nicht generalisieren und auf andere Situationen übertragen. Da sich jedoch kaum zwei Situationen gleichen, müssen sie jede neue Situation neu lernen. Neue Situationen, z.B. eine Reise in eine fremde Stadt, sind eine harte Herausforderung, denn alles ist neu, jeder Baum, jedes Haus, jedes Detail. Veränderungen machen grosse Mühe, nur keine Überraschungsgeschenke, keine Überraschungsreise! Ein Besuch bei einem Arzt muss faktisch begründet sein. Eine Mutter berichtete mir, dass sie für einen Besuch beim Arzt, der auf 14 Uhr terminiert war, um 11 Uhr damit beginnen musste, ihrem Sohn zu erklären weshalb, welchen Weg und was genau geschehen werde. Der Weg zum Einkauf muss immer wieder derselbe sein, wenn möglich das Benötigte auch. Einen neuen Weg zu gehen, erfordert manchmal monatelange gedankliche Vorüberlegungen bis das möglich ist.

Und so ist es nicht erstaunlich, dass auch bei Erwachsenen mit einer ASS das Sozialverhalten hölzern, unbeteiligt, gleichgültig, selbstgerecht wirkt, was dann als narzisstische Störung fehldiagnostiziert werden kann.

„Ich gelte als Sonderling, eigenartig, aufgesetzt, arrogant, besserwisserisch, rechthaberisch, lieblos, kalt, überheblich, berechnend, gefühllos, komisch. Ich hätte einen schlechten Charakter und ich sei krank. Mit mir stimme etwas nicht.“ So erklärte sich eine Patientin mir gegenüber im Erstgespräch.

Und wie ist das bei Menschen mit einer ADHS? Es kann nicht neu genug sein!

 

Aufmerksamkeit

Bei Menschen mit einer ADHS und Menschen mit einer ASS ist der präfrontale Cortex weniger ausgebildet als bei „normalen“ und somit auch die situationsangemessene Handlungsplanung und die Regulation emotionaler Prozesse. Ich beschränke mich hier auf die Aufmerksamkeit im Sinne einer Filterstörung. Während Menschen mit einem ADHS von einem Interesse zum nächsten hüpfen – es sei denn, sie sind fasziniert – „hyperfokussieren“ Menschen mit einer ASS auf eine Sache, ein Detail, eine Struktur, eine Regel. Sie haben Spezialinteressen.

Beide Typen von Menschen können aber auch sehr rasch überfordert werden. Die Reaktion von Menschen mit einer ADHS setze ich als bekannt voraus, inklusive impulsiver Handlungen. Menschen mit einer ASS mit ihren Schwierigkeiten im Erfassen und Verstehen der zwischenmenschlichen Kommunikation können dann in einen langen Denkprozess kommen, um etwas logisch verstehen zu wollen. Oder sie können blockiert sein, sich „trotzig“ verweigern, ausgeprägte Stereotypien zeigen, in ein „meltdown“ kommen, einem völligen Zusammenbruch, der wie ein psychotischer Stupor anmutet, oder in einen Gewaltausbruch sich selbst gegenüber (Kopf gegen die Wand schlagen) oder gegenüber Gegenständen (Einrichtung zerstören) geraten.

 

Wahrnehmung

Auch Erwachsene mit einer ASS haben Auffälligkeiten im Bereich der Sinne. Danach muss man sie aber fragen, denn für sie ist es selbstverständlich = normal, dass sie zum Beispiel sehr lärmempfindlich sind oder eine ganz feine Nase haben, wenig Licht sie schon blendet, gewisse Stoffe unerträglich sind, das Essen auf dem Teller voneinander getrennt sein muss, auf keinen Fall zusammenfliessen darf oder sie gar nicht merken was sie essen, oder dieses gewisse Farben nicht haben darf, oder immer gleich sein muss. Letzteres kann auch zu Mangelerscheinungen führen und sollte abgeklärt und bei Bedarf substituiert werden. Einige Beispiele aus meiner Praxis. Eine junge Frau ass über Jahre nur Pizza. Ein junger Mann fühlte sich unwohl. Erst nach langem Nachdenken fand er heraus, dass er fror.

 

ASS und ADHS

Und dann gibt es auch Menschen, die an beidem leiden. Oft wurde die Diagnose eines ADHS bereits in der Jugend gestellt, diese erklärte aber nicht alles, vor allem nicht ein „komisches“, „asoziales“ Verhalten als Erwachsene, das sich im Beruf vor allem dann zeigt, wenn es um Teamarbeit und Betriebsausflüge geht. Vordergründig können diese Menschen sehr kommunikativ wirken, stets in Bewegung, stets am Reden. So wurde ein Patient von mir wegen seiner hohen Fachkompetenz (Spezialinteresse) und seiner Beredsamkeit zum Gruppenleiter befördert, wo er nach kurzer Zeit überfordert war, arbeitsunfähig wurde und dann von der Sozialarbeiterin zu mir zur Abklärung geschickt wurde.

 

Stärken

„Niemand realisiert, dass einige Menschen unglaublich viel Energie aufwenden, um normal zu sein“ (Albert Camus). Das gilt für viele Menschen mit einer ASS. So sein wie die „Normalen“, um jeden Preis dazugehören bis zum Burnout, zum völligen Zusammenbruch. Dabei haben auch sie viele Stärken:

  • Sie sind zuverlässig.
  • Sie sind loyal.
  • Was sie sagen, gilt in der Regel „Wort-wörtlich“.
  • Sie können nur ganz schwer lügen.
  • Sie machen nicht aus emotionalen Gründen Ausnahmen, möchten aber dazugehören und lassen sich über den Tisch ziehen.
  • Sie sind „Fakten-Freaks“, erkennen also rasch Fehler in Mustern.
  • Sie können in gewissen Gebieten ein enormes Wissen und Können haben.

Nur glauben sie selber oft nicht daran oder sehen es als Schwächen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, in einem therapeutischen Prozess das Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit für diese Seiten zu stärken, wenn möglich eine Arbeit zu finden, wo diese Stärken gesucht sind und nicht vor allem das Gewicht darauf zu legen, so zu werden wie die „Normalen“.

 
 

ADHS Analog (5) PSYCHOEDUKATION

Ursula Ammann, MAS Supervision und Coaching ZHAW, Studienleiterin icp ADHS Coaching
 

In einer regelmässigen Serie schreibt Ursula Ammann über analoge Methoden, die sich im Therapie- und Coaching-Bereich bewährt haben:

Heute möchte ich nicht über eine konkrete Methode schreiben, sondern über etwas, was oft unterschätzt, aber dringend notwendig ist. In den letzten Monaten ist mir wieder vermehrt aufgefallen, dass viele unserer Patienten kaum eine Ahnung haben, was ADHS eigentlich ist und bedeutet. Wenn wir uns den selektiven Wahrnehmungsstil unserer ADHS Betroffenen vor Augen führen, mag das wenig erstaunen. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Fachpersonen dem Bereich Psychoedukation (PE) wenig Bedeutung beimessen, oder dabei auf überladene Fachdarstellungen zurückgreifen, die Patienten eher verwirren als aufklären. Bei unseren Studierenden verlangen wir das Erstellen eines eigenen Psychoedukationsmodelles. Etwas, was wirklich zu dem Therapeuten, dem Coach passt, der das Modell anwendet. Die Präsentation dieser Modelle ist immer ein Highlight in den Vorlesungen. Da kommt geballte Phantasie mit Fachwissen zusammen. Allerdings weisen wir auch da immer darauf hin, dass Psychoedukation nicht eine einmalige Angelegenheit ist, sondern so oft wie nötig (z.B. in Teilschritten) wieder aufgegriffen werden sollte.

Es war für mich ein Schlüsselerlebnis, welches ist in der Folge mehrmals erlebte. Eine Frau mittleren Alters fragte, ob sie ihren neuen Partner einmal mitbringen könnte, damit der nachher wisse, was eigentlich diese ADHS sei. Als wir dann mit ihm Stück für Stück durchgingen, was ADHS ist, wie es sich im Alltag äussert, welche Symptome, Komorbiditäten etc dazu gehören, wurden ihre Augen immer grösser. Erschüttert fragte sie mich, ob das wirklich so sei. Mit all diesen Symptomen würde sie seit Monaten von Arzt zu Arzt rennen. Sie habe befürchtet, sie sei an Demenz erkrankt, habe zusätzlich mindestens Krebs und niemand würde das erkennen.... Neben der bekannten Hypochondrie, zu der viele ADHS Betroffenen neigen (oft eben genau, weil sie die Symptome nicht zuordnen können und sich nicht ernst genommen fühlen), ist es eminent wichtig, dass unsere Patienten immer wieder davon hören, was mit ADHS alles zusammen hängen kann.

Einer meiner Studenten hat im jetzt zu Ende gehenden Ausbildungsgang ein geniales PE Modell für einen achtjährigen Schüler entwickelt, der durch enorme Aggression und fehlende Impulssteuerung auffällt.

(PE-Modell „Äntli-Schuel“ von Daniel Beer)

Mit diesem Modell kann er mittels Leuchtdioden die Probleme der Aufmerksamkeitssteuerung sehr eindrücklich aufzeigen. WIE gut der Klient das Modell verstand, zeigte sich darin, dass er nach der Erklärung kritisch guckte und anfügte, dass sein Coach aber eine ganz wichtig Ablenkungsquelle vergessen habe – die der Mitschüler, die ihn auch stören und provozieren würden.... Und hier kommt auch ein weiterer wichtiger Aspekt dazu: unsere Patienten sollen und dürfen mitdenken und reden. PE muss auf Augenhöhe passieren – wieviel Wertvolles an Wissen und Ergänzung ginge uns verloren, wenn wir nur aus der Ebene „Fachperson-Betroffener“ kommunizieren würden! Nehmen wir die Patienten ernst und fragen nach ihrem Erleben und ihrem Erkennen.

Eine andere Studierende, Ulrike Vogel, erklärt die Reizfilterschwäche mit Kaffeefiltern (sie arbeitet mit Erwachsenen). Dazu verwendet sie zwei handelsübliche Filtersysteme, bei einem lässt sie aber den Innenfilter weg, so dass der Kaffee ungefiltert in das darunter stehende Glasgefäss fliesst. Eine ungeniessbare Suppe. Als sie beim nächsten Termin nachfragte, was ihm denn vom letzten Mal noch so in Erinnerung sei, bestätigte sich, dass so anschauliche Methoden perfekt im Gedächtnis haften bleiben. Wie erklären Sie Ihren Patienten und Klienten, was ADHS ist? Gerne ermuntere ich Sie dazu, kreativ zu werden, Dinge zu suchen, die zu Ihnen und ihren Klienten passen und immer wieder darauf zu achten: Hat das Gegenüber wirklich verstanden, was ich gesagt habe. Die Ablenkbarkeit ist auch bei PE da ;-)

Übrigens: im Ausbildungsgang zum ADHS Coach, der im November beginnt, hat es noch freie Plätze – das Erstellen des eigenen PE Modelles kommt dann garantiert auf Sie zu ☺


 

Achtsamkeit - ein Ansatz für AD(H)S-Betroffene?

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Achtsamkeit bzw. Mindfulness ist in aller Munde. Was verbirgt sich dahinter? Welche Übungen sind hilfreich? Und inwiefern könnte eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis Menschen mit ADS / ADHS das Leben erleichtern? 

 

Die Aufmerksamkeitslenkung bewusst trainieren?

Menschen mit AD(H)S sind häufig dazu in der Lage, sich lange und intensiv zu fokussieren, wenn sie intrinsisch motiviert sind. Zieht ein Fach oder Themengebiet sie an und trifft es ihre Interessen, werden sie oft regelrecht eingesaugt und entwickeln eine erstaunliche Ausdauer. Schwierig wird es, wenn man die Aufmerksamkeit bewusst auf einen Gegenstand lenken muss, der wenig spannend erscheint, oder man zwischen verschiedenen Aufträgen hin- und herschalten muss. 
Wenn AD(H)S-Betroffene ihre Aufmerksamkeitsleistung verbessern möchten, sollten sie lernen:

  • Den Fokus bewusst auf eine einzige Sache zu richten
  • Die Konzentration länger aufrechtzuerhalten
  • Zu registrieren, wenn sich etwas anderes in den Vordergrund drängt oder sie in Tagträume abdriften - und sich erneut auf die ursprüngliche Aufgabe zu fokussieren. 

Es gibt verschiedene Ansätze, um diese Bereiche zu trainieren, beispielsweise Übungen zur Stärkung der exekutiven Kontrolle, Neurofeedback oder Konzentrationstrainings. In diesem Artikel möchten wir Ihnen einen Weg vorstellen, der momentan viel Forschungsinteresse weckt: die Achtsamkeitspraxis.

 

Warum könnte regelmäßige Achtsamkeitspraxis AD(H)S-Betroffenen helfen?

Unter Achtsamkeit versteht man unter anderem eine Meditationstechnik, in deren Zentrum eine wachsame, urteilsfreie und nicht-reaktive Haltung den eigenen Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen gegenüber steht (Kabat-Zinn, 2003). Übungsphasen umfassen beispielsweise stille Sitzmeditationen, Atemübungen, bewusstes, langsames Gehen oder das willentliche Sich-Konzentrieren auf alltägliche Aktivitäten wie Essen oder Zähneputzen.

Das Ziel besteht nicht vorwiegend in der Entspannung – auch wenn diese ein schöner Nebeneffekt ist – sondern vielmehr darin, zu lernen, wie man die eigene Aufmerksamkeit willentlich und bewusst auf den gegenwärtigen Moment ausrichtet, sich für das Hier und Jetzt öffnet und ihm mit einer akzeptierenden Grundhaltung begegnet (vgl. Bishop et al., 2004). Es gilt, sich in der Regulation von Aufmerksamkeit und der emotionalem Empfinden zu üben.

In Programmen zur Stärkung von ADHS-Betroffenen werden vorwiegend zwei Bereiche trainiert: die fokussierte und die rezeptive Aufmerksamkeit (für eine Übersicht siehe Modesto-Lowe und Kollegen, 2015):

Übungen zur fokussierten Aufmerksamkeit zielen darauf ab, sich völlig auf eine bestimmte Körperempfindung oder einen Gedanken einzulassen. Man konzentriert sich beispielsweise ganz auf die Atmung und blendet dabei bewusst alles andere aus. Begeben sich die Gedanken auf Wanderschaft und lösen sich beispielsweise von der Atmung, wird man dazu angehalten, sie wieder zurückzuholen. Dadurch trainiert man, den Fokus auf einer einzigen Sache zu halten, Zerstreuung entgegenzuwirken und nicht in Tagträume abzugleiten.

Übungen zur rezeptiven Aufmerksamkeit halten uns dazu an, unseren Fokus zu öffnen und unsere Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle im Hier und Jetzt neugierig wahrzunehmen, ohne direkt darauf zu reagieren. Dadurch soll nicht nur die allgemeine Wachsamkeit trainiert werden, sondern auch die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt und flexibel zu verlagern. Mit der Zeit soll der Zugang zu den eigenen Empfindungen, Gedanken und Gefühlen verbessert werden und die Fähigkeit sich ausbilden, sich von ungünstigen Reaktionsmustern aus dem Affekt heraus (z.B. Überreagieren bei Wut) innerlich zu distanzieren. Damit leisten diese Übungen einen wesentlichen Beitrag zur Emotionsregulation und Impulskontrolle.

 

Achtsamkeitspraxis und AD(H)S: Was sagt die Forschung?

Cairncross & Miller verfassten 2016 ein metaanalytisches Review, in welches sie die bis dato größten 10 Studien zur Wirksamkeit von achtsamkeitsbasierten Therapieverfahren bei AD(H)S einbezogen. Über alle Studien hinweg zeigte sich ein positiver Einfluss der Achtsamkeitspraxis auf alle Kernsymptome, wobei die Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung etwas größer ausfiel als jene im Bereich der Hyperaktivität / Impulsivität.

Auch Schmiedeler (2015) sowie Evans und Kollegen (2018) weisen in ihren Überblicksartikeln darauf hin, dass es mittlerweile einige Studien gibt, die die Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen bei Kindern mit AD(H)S und ihren Eltern belegen, dass aber qualitativ bessere Untersuchungen nötig sind, um einen definitiven und glaubwürdigen Nachweis zu erbringen.

Die Forschung zur Achtsamkeitspraxis bei AD(H)S steckt also noch in den Kinderschuhen. Erste Befunde deuten darauf hin, dass es sich um einen vielversprechenden Ansatz handelt. Wir dürfen gespannt sein, was die Wissenschaft in den nächsten Jahren noch zutage fördern wird.

 

Achtsamkeitsübungen

Haben Sie Lust, sich ein wenig in Achtsamkeit zu trainieren? Vielleicht gemeinsam mit Ihrem Kind? Im Folgenden lernen Sie einige Übungen kennen.

 

Fokus auf eine alltägliche Tätigkeit

Es fällt uns immer schwerer, nur eine Sache auf einmal zu tun: Wir essen vor dem Fernseher, lesen oder hören Musik, während wir einen Kaffee trinken oder nehmen sofort das Smartphone zur Hand, wenn wir zwei, drei Minuten warten müssten. Eine Studie von Killingsworth und Gilbert (2010) belegt, dass Menschen fast 50 % ihrer ganzen Zeit gedanklich nicht bei dem sind, was sie eigentlich gerade tun, und dass dieses Unachtsamsein sie unzufrieden macht. Wenn wir lernen möchten, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das Hier und Jetzt zu lenken, können wir dies tun, indem wir uns auf eine einzige Tätigkeit konzentrieren.

 

Widmen Sie sich voll und ganz einer Tätigkeit

Setzen Sie sich hin und trinken Sie ein Getränk, das Sie gerne mögen. Fokussieren Sie sich ganz auf den Geschmack und die Empfindungen, die dadurch in Ihnen ausgelöst werden. Wie riecht der Tee oder Kaffee? Wo spüren Sie den Geschmack? Welche Geschmacksnoten können Sie herausschmecken? Falls Sie ein kohlesäurehaltiges Getränk zu sich nehmen: Wie fühlt sich das ganz genau an? Auf der Zunge? Im Hals? Falls Sie ein warmes Getränk gewählt haben: Wo können Sie die Wärme wahrnehmen? Nur im Mund oder auch im Hals?

Wenn Sie diese Übung machen, werden Sie auf der einen Seite registrieren, dass Sie diese Tätigkeit verstärkt genießen können und sich ihre Wahrnehmung erweitert. Sie werden aber wahrscheinlich auch bemerken, wie schwierig es ist, ganz im Hier und Jetzt und bei einer einzigen Sache zu bleiben. Sie werden sich immer wieder dabei ertappen, wie Ihre Gedanken abdriften. Registrieren Sie das einfach, ohne es zu werten – und widmen Sie sich dann wieder bewusst der einen Sache, auf die Sie sich fokussieren möchten.

Wenn Sie Aufgaben dieses Typs häufiger durchführen, werden Sie auch bei anderen Tätigkeiten mit der Zeit besser registrieren, ob Sie abdriften.

Die Übungen müssen nicht lange dauern, sollten aber häufig durchgeführt werden: Beispielsweise ein bis zweimal pro Tag für zwei bis drei Minuten. Sie können fast jede Tätigkeit dazu nutzen: Essen, Trinken, Zähne putzen, das Geschirr spülen etc.

 

Nehmen Sie sich beim Warten ein wenig Zeit für sich

Im Alltag gibt es immer wieder Momente des Wartens: Wir stehen an der Bushaltestelle, in der Schlange an der Kasse – und haben meist Lust, uns sofort zu beschäftigen. 
Sie können diese Momente nutzen, um sich in Achtsamkeit zu üben. Nehmen Sie dazu wahr, wie Sie sich fühlen: Sind Sie entspannt und zufrieden? Oder gelangweilt, verärgert oder gestresst? Versuchen Sie das Gefühl oder den Mix aus Gefühlen genauer zu erkunden. Wie fühlt sich Langeweile oder Stress körperlich an? Scannen Sie offen und neugierig Ihren Körper: Gibt es Stellen, die angespannt sind?

Wenn Sie möchten, können Sie zum Ende der Übung diese Stellen bewusst entspannen.